Islamischer Religionsunterricht nach dem Terroranschlag in Wien

Islamischem Religionsunterricht kommt in diesen Tagen eine besondere Bedeutung zu. Schülerinnen und Schüler erhalten hier Gelegenheit, die entsetzlichen Terroranschläge in mehrfacher Hinsicht für sich zu verarbeiten. Dabei geht es zunächst um eine emotionale Bewältigung und einen Raum, eigene Ängste und Fragen offen auszusprechen. Die Lehrer/innen sind konfrontiert mit Aussagen wie: „Ich liebe meine Religion. Ich verstehe nicht, wie jemand so etwas Schreckliches tun kann und auch noch meint, ein „guter Muslim“ zu sein?“ oder „Die Leute denken oft eh schlecht vom Islam. Und dann war der Täter noch ein ganz junger Mann. Werde ich jetzt schief angeschaut?“. Auch die Fragen „Wie ist ein Täter zum Täter geworden? Was waren die Beweggründe? Gibt es da etwas, was alle Extremisten gemeinsam haben? Dass ich das gleich erkennen kann?“ und vor allem „Was kann ich tun?“ sind sehr präsent.

Die Religionslehrer/innen sind demnach nicht nur in ihrer seelsorgerischen Kompetenz gefragt. Sie können auch eine inhaltliche Bearbeitung anbieten, aufbauend auf dem, was auch sonst im Unterricht vermittelt wird. Im aktuellen Kontext ist hier eine zusätzliche Präzisierung gefragt.

Das Schulamt der IGGÖ hat dazu einen mehrseitigen Leitfaden an die Lehrer/innen versandt, der Unterstützung bieten soll.  Entlang der im Religionsunterricht zentralen Grundkompetenzen werden Unterrichtsziele sehr klar kommuniziert und bieten somit einen pädagogischen Handlungsrahmen.

Beispielhaft seien einige Kompetenzbeschreibungen hier angeführt:

SchülerInnen verinnerlichen den höchsten Stellenwert menschlichen Lebens als schützenswertes Ziel der Religion (maqased asch-scharia). Niemand darf sich willkürlich zum Herrn über Leben und Tod erheben. SchülerInnen begreifen und können in eigene Worte fassen, dass es ein Verbrechen und zudem gotteslästerlich ist, einen Menschen zu ermorden und dabei auch noch „Allahu akbar“ zu rufen.

Die Schülerinnen und Schüler verinnerlichen, dass Gott über menschlichem Beleidigen steht und unangreifbar ist. Was Seinen Propheten Muhammad betrifft, so können Schmähungen seinen Stellenwert nicht herabmindern. Von Beleidigungen oder als beleidigend empfundenen Äußerungen wird die „Ehre des Propheten“ nicht getroffen. Vielmehr ist es der gläubige Mensch selbst, der derartiges als persönlich verletzend erlebt. Schülerinnen reflektieren dies und gestalten ihr eigenes Handeln danach.

Sie verstehen und vertrauen darauf, dass der Wahrheitsanspruch bei Gott liegt. Sich über Gott zu stellen ist schirk. Sie erkennen somit extremistische Anmaßungen und Manipulierungen und können ihnen aktiv begegnen.

SchülerInnen verinnerlichen, dass Allah die Menschen in Vielfalt geschaffen hat und diese Vielfalt der Lebenswege, Religionen und Weltanschauungen damit gottgewollt ist. Daher können sie mit anderen Meinungen umgehen, auch innerhalb der eigenen muslimischen Community, und respektieren andere Religionen und Weltanschauungen.

SchülerInnen erkennen, dass sich ihr Glaubensverständnis auch in ihrem Handeln äußert. Sie verstehen, dass ein Verständnis von Islam als „Religion des Friedens“ nur dann authentisch und wahrhaftig gelebt werden kann, wenn es sich im persönlichen Alltagsleben im Zusammenleben mit ihren sozialen Kontakten unterschiedlicher Religion und Weltanschauung wiederfindet.

SchülerInnen haben für sich selbst das Spannungsfeld zwischen Meinungsfreiheit und Hassrede ausgelotet. Sie analysieren, wie terroristisches Handeln auf Spaltung der Gesellschaft ausgerichtet ist. Sie kennen aktuelle Stellungnahmen wichtiger MeinungsbildnerInnen aus der Politik und von Religionsvertreterinnen und können sie auf ihr eigenes Leben beziehen.

Sie kennen die Bedeutung des demokratischen säkularen Rechtsstaates in der österreichischen Ausprägung als Kooperationsmodell für die Bewahrung des sozialen und religiösen Friedens und individueller Freiheitsrechte. Sie analysieren, wie Religionsfreiheit und Freiheit der Rede und der Kunst nicht gegeneinander ausgespielt werden sollen, da sie nicht voneinander zu trennen sind.

Leitfaden für ReligionslehrerInnen