Allgemeine Information

Wenige Wochen nach dem Terroranschlag in der Wiener Innenstadt befindet sich Österreich noch immer in einem Zustand der Fassungslosigkeit und des Schmerzes. In den Tagen nach der schrecklichen Tat ist die gesamte Bevölkerung in Trauer zusammengerückt, die Spitzen der Kirchen und Religionsgemeinschaften haben ihre Verbundenheit demonstriert und auch die Bundesregierung hat mit ihren besonnenen Worten ihren Beitrag dazu geleistet, die Gesellschaft vor einer Spaltung zu bewahren.

Anstatt sich jedoch ausreichend Zeit einzuräumen, die Geschehnisse umfassend aufzuarbeiten und schon lang geforderte sinnvolle Strategien vor allem in den Bereichen der Bildungspolitik sowie der Extremismusprävention und Deradikalisierung zu formulieren, präsentierte die österreichische Bundesregierung am 16. Dezember 2020 ein sogenanntes Anti-Terror-Paket, das auch Verschärfungen im Islamgesetz von 2015 vorsieht.

Eine Novellierung eines Religionsgesetzes im Kontext von Terrorbekämpfung wirkt dabei verstörend. Der brutale Anschlag war ein Angriff auf unsere Gesellschaft als Ganzes, gegen unser Land, gegen unsere gemeinsamen Werte, unsere Freiheit, unsere Demokratie und unsere liberale Rechtsordnung. Der Täter hat dabei wahllos auf Menschen geschossen, ohne zu differenzieren. Die Ideologie, die ihn dabei geleitet hat, ist eine gewaltverherrlichende, eine entmenschlichende, die dem moralischen und religiösen Verständnis des Islam diametral entgegensteht. Eine ganze Religionsgemeinschaft und ihre AnhängerInnen in Sippenhaft für die Straftat eines Einzelnen zu nehmen, konterkariert die Anstrengungen jener Menschen, die sich tagtäglich um eine friedliches und solidarisches Miteinander in Österreich einsetzen.

Die Bemühungen radikale Tendenzen einzudämmen müssen als eine gesamtgesellschaftliche Bemühung verstärkt werden. Die IGGÖ steht mit all ihren Ressourcen und ihrer Expertise zur Verfügung und hält als Teil der österreichischen Gesellschaft ihre Hand ausgestreckt für all diejenigen, die mit ihr Seite an Seite im gemeinsamen Kampf zum Schutz unserer Freiheit und Demokratie stehen möchten.
IGGÖ fordert Abkoppelung des IslamG vom Anti-Terror-Paket

Obgleich die Relevanz einer Einbindung der IGGÖ in gesellschaftspolitische Fragen und im Speziellen in die Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus in den vergangenen Monaten von Seiten der Bundesregierung in ihren öffentlichen Stellungnahmen immer wieder betont wurde, wurde der IGGÖ in der aktuellen Frage der Novellierung des Islamgesetzes von 2015 weder die Möglichkeit ergebnisoffener Gespräche, noch der gemeinsamen Suche nach inhaltlichen Lösungen für bestehende Herausforderungen eingeräumt. Trotz gegenteiliger Zusicherungen des zuständigen Ministeriums, war die IGGÖ in die Verhandlungen nicht eingebunden, sondern wurde lediglich vor vollendete Tatsachen gestellt und das obwohl die angekündigten Verschärfungen des Islamgesetzes die Autonomie einer Religionsgesellschaft tangieren und auch verfassungsrechtlich heikel sind. Eine tatsächliche Einbindung der IGGÖ wäre daher unabdingbar gewesen. Nichtsdestotrotz wurde der Gesetzesentwurf dennoch einseitig und unverzüglich nach der Präsentation der zuständigen Bundesministerin am 22. Dezember 2020 in die Begutachtungsphase geschickt.

Die IGGÖ selbst konstatiert einen dringenden Reformbedarf des Islamgesetzes, vor allem was die Gleichstellung zu anderen Religionsgesetzen, aber auch die Ermöglichung des Anstoßes wichtiger innermuslimischer Modernisierungsprozesse betrifft. Auch wenn der erhebliche politische Druck, unter dem die Bundesregierung nach dem Terroranschlag vom 2. November 2020 und den in Folge offenkundig gewordenen Versäumnissen der Sicherheitsbehörden in diesem Zusammenhang manifest ist, ist die Novellierung eines Gesetzes über die Konstituierung einer anerkannten Religionsgesellschaft im direkten Kontext der präsentierten Maßnahmen zur Terrorbekämpfung und als gemeinsame Gesetzgebung mit dem neu geschaffenen Straftatbestand gegen “religiös motivierte extremistische Verbindungen“ unsachgemäß. Das Vorhaben konterkariert grundsätzlich den Ursprungsgedanken des Islamgesetzes, die Beheimatung der Musliminnen und Muslime in Österreich sowie deren gesellschaftliche Akzeptanz zu fördern und zeigt, dass das Islamgesetz mittlerweile nicht mehr als reines Religionsgesetz, sondern vielmehr als Sicherheitsgesetz gesehen wird.

Die Vorgehensweise lässt eine auffallende Ungleichbehandlung im Vergleich zu anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften in Österreich erkennen und widerspricht dem Kooperationsmodell zwischen ebendiesen und dem österreichischen Staat. Ein Verzicht auf das gute Verhältnis, das den positiven Beitrag der Religionen für Staat und Gesellschaft anerkennt, ist allerdings weder aus gesellschaftlichen noch aus legistischen Gründen sinnvoll.

Die IGGÖ fordert daher eine zeitliche und kontextuale Abkoppelung der Novellierung des Islamgesetzes vom Anti-Terror-Paket sowie konsensorientierte Gespräche hinsichtlich einer Novellierung und hält in aller Deutlichkeit fest, dass die Novellierung des Islamgesetzes in dieser Form ausdrücklich gegen den Willen der IGGÖ durchgeführt würde. Die IGGÖ behält sich vor, ihre Sicht auf den Inhalt der Gesetzesnovelle in einer Stellungnahme an das österreichische Parlament zu übermitteln.

Begutachtungs­verfahren und Stellungnahmen

BürgerInnen haben die Möglichkeit, Stellungnahmen zu Ministerialentwürfen und im Rahmen einer öffentlichen Ausschussbegutachtung während offener Begutachtungsfrist über die Website des Parlaments einzubringen. Zusätzlich können sie in dieser Frist einzelnen Stellungnahmen online zustimmen.

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