Meine sehr verehrten Damen und Herren, geschätzte Geschwister!

Die Corona-Krise und die vielen plötzlichen Entscheidungen darauf haben binnen weniger Tage unseren Alltag, unser Berufsleben, unser soziales und unser religiöses Leben drastisch verändert. Plötzlich war nichts mehr selbstverständlich, nicht einmal Freunden die Hände zu schütteln und die eigenen Eltern zu umarmen.

Die weltweit rasante Ausbreitung des Virus und die von der Politik getroffenen Entscheidungen haben die Menschen stark verunsichert. Viele fragten sich „Was passiert da mit unserer Welt, was passiert mit unserem Land, mit unseren Familien?“

Die Corona-Krise hat auch uns als Glaubensgemeinschaft überrascht. Plötzlich wurden wir herausgerissen aus unserem Treiben, mussten lang geplante Projekte von einem Tag auf den anderen auf Eis legen und uns neu organisieren. Wie viele andere mussten wir mit den uns zur Verfügung stehenden Informationen und Ressourcen innerhalb weniger Tage ein Krisenmanagement entwickeln, das nie zuvor erforderlich gewesen war. Wir mussten unter wahnsinnigem Zeitdruck selbst erst lernen, wie wir mit der Situation umgehen sollen. Dazu haben wir Expertinnen und Experten unterschiedlicher Bereiche konsultiert, uns mit anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften beraten und sind mit der Bundesregierung im konstanten Austausch gestanden. Die fehlende Erfahrung mit COVID-19 führte bei allen zu großen Unsicherheiten in den Prognosen.

Aber eines wussten wir von Anfang an: Wir wollten die behördlichen Maßnahmen mittragen und Verantwortung für das Wohl unserer Gläubigen, unserer Mitmenschen und unser Land übernehmen. Die von der Glaubensgemeinschaft beschlossenen Maßnahmen waren keine, die uns von der Bundesregierung aufgezwungen wurden, sondern jene, die aus unserer Sicht notwendig waren, um andere Menschen vor schlimmen oder sogar lebensbedrohlichen Folgen einer Infektion zu schützen. Die Erläuterungen unseres theologischen Beratungsrates, die Zustimmung der durch die im Obersten Rat vertretenen Kultusgemeinden und der Zusammenhalt, der innerhalb der muslimischen Community rasch zu beobachten war, hat uns dabei stets gestärkt.

Erfreulicherweise haben die zunächst radikal erscheinenden Maßnahmen des Lockdowns Früchte getragen. Dramatische Entwicklungen bei der Krankenstatistik sind uns erspart geblieben. Und so dürfen wir uns in Österreich nun Schritt für Schritt auf die Wiederaufnahme unseres Alltags vorbereiten. Nun aber werden auch teilweise Stimmen laut, die die getroffenen Maßnahmen als übertrieben empfunden haben. Im Nachhinein ist es natürlich immer leicht etwas zu kritisieren. Was aber wäre gewesen, wenn wir uns nicht derartig eingeschränkt haben? Wo würden wir heute stehen? Das weiß nur Gott alleine.

11 Wochen sind vergangen, seit wir uns als Islamische Glaubensgemeinschaft gezwungen sahen, die Aussetzung der öffentlichen Gottesdienste in unseren Moscheen zu verkünden. Unser Anliegen war dabei natürlich von Anfang an, die Moscheen so schnell wie möglich wieder zu öffnen. Jedoch stets unter der Voraussetzung, dass die Öffnung keine Gefahr für Gesundheit und Leben darstellt. Und auch wenn wir die Vereinbarung zwischen Bundesregierung und Religionen immer mitgetragen haben, so ist es uns dennoch wesentlich, dass wir regelmäßig evaluieren, ob Einschränkungen in der gegenwärtigen Situation noch verhältnismäßig sind.

Am 15. Mai haben wir mit der schrittweisen Öffnung unserer Moscheen begonnen und dafür unsere Empfehlungen formuliert. Drei Wochen des Ramadan mussten wir auf die gemeinschaftlichen Gebete verzichten, bevor wir mit dem Morgen-, Mittags- und Nachmittagsgebet gestartet haben. Seit vergangenen Sonntag wurden auch die Abend- und Nachtgebete wiederaufgenommen.

Die letzte große Einschränkung stellt für uns als Musliminnen und Muslime also die Wiederaufnahme der Freitagsgebete dar. Die Hürde dafür ist die von der Regierung beschlossene 10-Quadratmeter-Regelung. Und so freue ich mich sehr, Ihnen heute verkünden zu dürfen, dass die vielen Gespräche mit der zuständigen Ministerin und dem ihr unterstellten Kultusamt erfolgreich waren und diese Regelung nun auch fällt. Somit können wir ab diesem Freitag, den 29. Mai, die Freitagsgebete in unseren Moscheen wiederaufnehmen. Freilich unter Einhaltung des nötigen Abstandes und den vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen.

Liebe Geschwister! Die Corona-Krise war eine große Herausforderung für uns alle. Ihre Folgen und Auswirkungen werden uns noch lange Zeit beschäftigen. Wichtig ist es nun, aus den gesammelten Erfahrungen zu lernen. Was uns dabei stets begleiten sollte ist die Solidarität, die gegenseitige Unterstützung und das wertschätzende, respektvolle Miteinander, das wir in den vergangenen Wochen intensiv gepflegt haben. Bauen wir als Glaubensgemeinschaft bitte weiterhin genau darauf auf.

Ich danke Ihnen vielmals für Ihr Vertrauen und Ihre Aufmerksamkeit und möchte Ihnen jetzt schon viel Freude und Segen beim dieswöchigen Freitagsgebet wünschen.

Mag. Ümit Vural
Präsident der IGGÖ

Videobotschaft des Präsidenten