Islamophobie
Gedanken zu einem Phänomen
Eine wesentliche Facette von „Fremdenfeindlichkeit“ wird thematisiert
Vom Umgang mit dem Begriff der Islamophobie seitens der
Muslime in Österreich
Ausgangslage
Das Verhältnis zum Islam ist in Europa auf verschiedene Weise belastet und bietet so den Nährboden für einen oft spannungsgeladenen und durch Emotionen aufgeheizten Umgang mit der muslimischen Bevölkerung. In diesem Zusammenhang wird spezifisch für die Situation in Österreich zu Recht immer wieder die gerade für den Großraum Wien bis heute als traumatisch empfundene Zeit der Türkenkriege genannt. Im historischen Kontext verdienen auch die schon seit den Kreuzzügen tradierten Bilder vom „grausamen heimtückischen gotteslästerlichen Heiden“ Erwähnung. Durch die Migration wuchs die Zahl der Muslime und viele Befürchtungen, die Neubürger könnten den Alteingesessenen Ressourcen streitig machen, konzentrieren sich auf die muslimische Bevölkerung, die häufig unter Herstellung des alten Feindbildes als bedrohliche Invasion in modernem Gewand wahrgenommen wird. Auch für Österreich gilt zudem, dass seit dem Wegfall des Sowjetblockes das Feindbild Islam neue Konjunktur bekam. Nachrichten aus der islamischen Welt liefern der viel diskutierten Theorie eines „clash of civilisation“ fast täglich scheinbar neue Nahrung, weil Krisensituationen medial ungleich mehr Beachtung finden als positive Beispiele des friedlichen Zusammenlebens. Die Medien als meinungsbildende Organe haben durch ihre oft von Einseitigkeit, mangelndem Verständnis und schlichtem Informationsmangel geprägte Berichterstattung einen nicht unerheblichen Anteil an dem Zerrbild, das sich in den Köpfen vieler Menschen bildet. Auch die Unterhaltungsindustrie legt einem sachlichen Zugang zum Thema durch die Publikation von Büchern wie „Nicht ohne meine Tochter“ immer wieder Steine in den Weg. Wenn sich Konsumenten solcher Werke hinterher als Islamexperten fühlen, wird ein realitätsbezogener Zugang, der sich an der tatsächlichen Situation der Muslime in Österreich oder an der hier so gut wie unbekannten eigentlichen Glaubenslehre des Islam orientiert, wesentlich erschwert.
Denn es soll nicht unerwähnt bleiben, dass der Islam in Österreich schon seit 1912 eine anerkannte Religionsgesellschaft ist, dessen Anhänger Religionsfreiheit genießen. Seit 1979 ist zudem mit der Islamischen Glaubensgemeinschaft eine offizielle Vertretung der Muslime eingerichtet worden, was für Europa einen Modellfall darstellt. Hier liegen also Chancen durch diesen Ansprechpartner einen Integrationsprozess gestalten zu können, in den von Beginn an alle Seiten eingebunden sind. Im Vergleich zu vielen anderen Staaten Europas können die Muslime durch die für sie verbindliche Rahmenbedingungen schaffende Rechtslage ihre Religion ungehinderter praktizieren.
Doch sei dieser allgemeine Hintergrund einleitend nur kurz skizziert, da die sehr wichtige tiefergreifende Analyse diesmal nicht im Mittelpunkt stehen kann. Von Seiten der Muslime ist festzuhalten, dass die latent vorhandene Abwehrhaltung gegen alles Islamische sich im Alltag der hier lebenden Menschen muslimischen Glaubens negativ bemerkbar macht. Sei es die Erfahrung von Alltagsrassismus im öffentlichen Raum, wenn islamisch gekleidete Frauen zur Zielscheibe von verbalen und mitunter auch tätlichen Angriffen werden, sei es Diskriminierung im Berufsleben oder die allgemein spürbare Tendenz der Ausgrenzung. Die unaufgearbeitete und als solche vielfach nicht wahrgenommene Islamfeindlichkeit ist eine Tatsache, die sich quer durch alle Bildungsschichten und unabhängig vom sozialen Status durch die Gesellschaft zieht. Die Mischung aus über Generationen verinnerlichten Feindbildern mit vorgefassten Meinungen, die darum so schwer auf die Ebene von Reflexion und Differenziertheit zu heben sind, weil sie sich auf die Realität gestützt glauben, macht dabei eine Einstellungsänderung so schwierig.
Der aktuelle Hintergrund des muslimischen Engagements
Im Zuge des Wahlkampfs zum Nationalrat 1999 und in der darin anschließenden Zeit wurde Muslimen schlagartig vor Augen geführt, welches Unheil in der Bevölkerung bestehende Vorurteile, Ressentiments, Stereotype und Klischees über den Islam anrichten können, wenn sie systematisch missbraucht werden, um auf populistische Weise politisch Kapital zu schlagen.
Der „Überfremdungswahlkampf“ der FPÖ ist hinlänglich diskutiert worden. Muslimen wurde am eigenen Leib deutlich, dass gezielt mit Ängsten vor dem Islam gespielt wurde, ohne dass dies selbst die kritische Öffentlichkeit besonders vermerkte. In der Diskussion schenkte man betroffenen Muslimen zunächst kein Gehör. Auch dies ist ein Zeichen dafür, dass das Problem der Islamophobie noch nicht ausreichend wahrgenommen wird, aber enormen Zündstoff birgt. So wurde es wichtig, selbst an die Öffentlichkeit zu gehen. Der wichtige Termin bei den drei Weisen beispielsweise kam erst auf eigene Initiative, dann aber sehr schnell, zustande. So konnten wesentliche Erfahrungen und Analysen der Situation in Österreich eingebracht werden.
In der Rückschau können die Ereignisse dieser Zeit so als wichtiger Einschnitt gewertet werden, der Muslimen ins Bewusstsein brachte, dass sie selbst gesellschaftlich sichtbarer werden müssten, um aktiv an der Überwindung von Ängsten mitzuwirken und als lebendiger Teil Österreichs begriffen zu werden. Seither ist es nicht übertrieben, von einer Art Aufbruchstimmung innerhalb der muslimischen Gemeinschaft zu sprechen, die sich in verstärkten Aktivitäten in der Öffentlichkeit äußert, wie Tagen der Offenen Tür an Moscheen und innermuslimisch in dem Bemühen um mehr Kontakte zwischen den einzelnen durch das Ursprungsland bestimmten communities bemerkbar macht. Eine Diskussion über die eigene Identität und das Verständnis von Integration ist die Folge.
Auch unsere Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen fand sich vor diesem Hintergrund zusammen. Zu einer Entspannung des gesellschaftlichen Klimas und einem von gegenseitigem Verständnis und Respekt getragenen Miteinander erschien es uns wichtig, als Betroffene die Aufmerksamkeit auf die Situation der Muslime zu lenken. Denn für uns war klar, dass in vielen Fällen, wo man allgemein von „Fremdenfeindlichkeit“ sprach, speziell von Islamfeindlichkeit die Rede sein müsste. Belege dafür finden sich in Wahlkampfprospekten der FPÖ. Die in einer Postwurfsendung unter dem Schlagwort. „Wussten Sie schon, dass...“ erschienen angeblichen Beweise für die nach Meinung der FPÖ berechtigte Sorge vor „Überfremdung“ bezogen sich in der Mehrheit auf Muslime, ohne dass dies freilich immer durch die Herstellung eines direkten Zusammenhangs ausgesprochen wurde. So wurden Ängste vor der schon zweitgrößten Religionsgemeinschaft bewusst geschürt. Unvergessen ist auch, wie es in einer Fernsehdiskussion durch den Justizsprecher der FPÖ zu Aussagen über die „nicht-integrationswilligen außereuropäischen Muslime“ kam, die zu „20% Fundamentalisten“ seien. Aber auch an der Art wie beispielsweise medial die Stichwörter „Fremdenfeindlichkeit“ oder „Integrationspolitik“ bevorzugt mit Bildern von kopftuchtragenden Frauen unterlegt werden, lässt sich ablesen, dass Muslime die vielleicht größte Reibungsfläche ausmachen. Persönliche Erfahrungen der muslimischen Bevölkerung spiegeln diese Tatsache, wie sich unter anderem im Rassismusreport des Vereins ZARA, bei dessen Redaktion wir Material lieferten, nachlesen lässt.
Die Bewertung des Islamophobiebegriffs von muslimischer Seite
Wir sahen uns damit konfrontiert, einen Begriff für dieses Phänomen finden zu müssen. Die Studie des Runnymede Trust „Islamophobia – a challenge to us all“ stieß somit auf unser allergrößtes Interesse. Wir konnten die Ergebnisse dieser Arbeit auf die eigene Situation in vieler Hinsicht direkt übertragen.
Trotzdem ging der Entscheidung, in die Diskussion ganz bewusst dieses Wort einzubringen, das bis dato in Österreich noch nicht in der breiten Öffentlichkeit gebraucht worden war, eine lebhafte interne Diskussion voraus, die hier kurz dargestellt werden soll.
Dafür sprach folgendes:
- Indem eine direkte Übertragung des im englischen und französischen Sprachraum gebrauchten „Islamophobie“ gewählt wird, kommt besser als im deutschen Ausdruck „Islamfeindlichkeit“, der in der Diskussion in Deutschland bevorzugt zu werden scheint, so dieses Thema überhaupt zur Sprache kommt, der Aspekt der vielfach im Unbewussten liegenden und argumentativ kaum beizukommenden Angst zum Tragen. Dies schien uns sehr treffend zu sein.
- Die direkte Übertragung würde auch den international zu führenden Diskurs vereinfachen.
- Durch die Verwendung der Bezeichnung „Phobie“ schien uns gleichzeitig programmatisch vorgezeichnet, wie Strategien für eine Überwindung aussehen könnten. Das, was viele Menschen als gar nicht so konkret festzumachende generelle heftige Abneigung gegen den Islam verinnerlicht haben, wäre bewusst zu machen. Die Ursachen von Islamophobie sollen dabei aufgearbeitet werden, um einer sachlichen Beschäftigung mit dem Islam und vor allem den Muslimen selbst den Weg zu ebnen. Information und Begegnung im Dialog sollten hier Hand in Hand gehen.
- Der Begriff der „Phobie“ bringt deutlich zum Ausdruck, dass eine „Heilung“ davon auch für den Betroffenen selbst wünschenswert ist. In Ergänzung zum zuvor gesagten wird neben den allgemeinen Stimmungen gegen den Islam der persönliche Hintergrund ins Treffen geführt. Nach unseren Beobachtungen ist die sich an konkreten Punkten festmachende islamophobe Einstellung in vielen Fällen als eine Art Projektion von Erfahrungen und Einschätzungen aus der eigenen nicht oder nur ungenügend aufgearbeiteten Geschichte zu umreißen. Dies ließe sich schlüssig etwa an der Kopftuchthematik festmachen.
- In Konsequenz aus dem Vorausgegangenen fiel uns endlich als positiv auf, dass der Begriff „Islamophobie“ sich deutlich auf alle sozialen Schichten beziehen würde, ohne etwa höhere Bildungsschichten auszuklammern. Die jüngste Diskussion rund um „Fremdenfeindlichkeit“ scheint in die Richtung zu gehen, Menschen geringeren Bildungsgrades als anfälliger für fremdenfeindliche Tendenzen zu betrachten. Leider ist es für uns aber immer wieder eine Tatsache, der Islamophobie in allen gesellschaftlichen Schichten zu begegnen.
Gleichzeitig war für uns in Betracht zu ziehen:
- Der Möglichkeit, dass die Einführung des Begriffs „Islamophobie“ auf viele Menschen auch kontraproduktiv wirken könnte, wäre von Beginn an vorzubeugen. Der Begriff soll sich nicht in einer Weise etablieren, dass zahlreiche Menschen nach dem Motto: „Aber ich doch nicht!“, veranlasst wären abzublocken, wenn es um die eigene Auseinandersetzung mit diesem Phänomen geht. Ähnlich wie es auch die englische Studie formuliert, sollte niemand die Stigmatisierung als „islamophob“ fürchten und sich daher einer Auseinandersetzung entziehen. Ein offener Zugang zum Thema erscheint uns als sehr entscheidend, der die Basis zu einer offenen Sicht des Islam bildet, wie sie anzustreben ist (siehe „open views of Islam“ S.5 der englischen Studie). In unserer Arbeit erleben wir, wie wichtig es ist, die Ängste der Menschen sehr ernst zu nehmen, weil sich hier die entscheidenden Hinweise ergeben, wo insbesondere mehr Aufklärung Not tut.
- Die Vermeidung einer Stigmatisierung impliziert, dass es ein klares Anliegen auch der Muslime selbst sein muss, eine kritische Auseinandersetzung zu ermöglichen. Im respektvollen Dialog müssen auch provokante Fragen Raum haben, damit langfristig nicht wieder Schranken im Umgang miteinander aufgebaut werden.
- Betrachtet man sich die Konstruktion der Begriffe, die sonst im Zusammenhang mit „Phobie“ stehen, muss man feststellen, dass damit häufig tatsächlich Abscheu erregende Dinge oder potentielle Gefahren in Verbindung gebracht werden, etwa die Angst vor Spinnen oder vor schwindelnder Höhe. Auch die Reaktion auf etwas Unangenehmes mit dem in der Alltagssprache hingeworfenen: „Da krieg’ ich eine Phobie drauf.“, geht in diese Richtung. Es sollte aber vermieden werden, dass der Islam an sich assoziativ als etwas negatives wahrgenommen würde.
- Wir sahen auch die Gefahr, in eine Opferrolle zu geraten. Gerade muslimische Frauen müssen die Erfahrung machen, vor allem als solche wahrgenommen zu werden und sich für ihre Lebensweise ständig rechtfertigen zu müssen. Von daher soll man zu vermeiden trachten, die Diskussion wieder nur aus einer einzementierten Position der Schwäche und oft sogar in den Augen der anderen Minderwertigkeit zu führen. Da man von Seiten der Muslime immer mehr darauf bedacht ist, die Identität als Muslim als vereinbar mit jener als Österreicher, bzw. Europäer begreifbar zu machen, wäre eine gleichberechtigte Stellung wünschenswert, die den Muslimen durch Partizipation einen aktiven Part einräumt.
- Damit in Verbindung zu bringen ist, dass ein ständiges im Mund Führen des Begriffes „Islamophobie“ unter den Muslimen den Schwung bremsen könnte, sich zivilgesellschaftlich innerhalb Österreichs zu betätigen, weil unter Umständen zu sehr die Sorge geweckt wird, sowieso von allen Seiten angefeindet zu werden. Es soll also darauf geachtet werden, dass sich keine „Verschwörungstheorien“ bilden, die ihrerseits wieder eine Emotionalisierung bewirken würde, die immer nur hemmend wirken kann.
In Anbetracht dieser Überlegungen kamen wir zu dem Schluss, mit dem Begriff „Islamophobie“ sehr behutsam umzugehen und ihn nicht inflationär einzusetzen. Wir verfolgen das Ziel konstruktiv mitzuwirken, für die Tatsache islamophober Tendenzen in der Gesellschaft und Mechanismen der Ausgrenzung und Benachteiligung von Muslimen Bewusstheit zu schaffen. Unsere Zielgruppe, bei der wir mit diesem spezifischen Begriff operieren, sind vor allem in der Antirassismusarbeit engagierte Institutionen, Parteien und Einzelpersonen und Fachleute. Wir begrüßen es auch, wenn eine der Anregungen, wie sie erstmals anlässlich der Großkundgebung am 19. Februar 2000 von uns öffentlich gemacht wurde, explizit gerade auch gemeinsam mit engagierten Menschen außerhalb des muslimischen Kreises umgesetzt wird, nämlich endlich einen allgemein in Verwendung zu geratenden Begriff „Islamophobie“ zu etablieren, damit die Diskussion darüber einen Ausgang nehmen kann.
In diesem Diskurs möchten wir als Betroffene eine sehr aktive Rolle spielen, da wir überzeugt sind, dass durch unsere Kompetenzen und die Innensicht des Konfliktfeldes auch wesentliche Impulse bei Aufarbeitung von „Islamophobie“ ausgehen können.
Wir sehen es als ungemein positiv an, dass „Islamophobie“ in der Auseinandersetzung mit Fremdenfeindlichkeit eine Rolle zu spielen begonnen hat, was an den Aktivitäten auf Ebene der EU und auf der Seite verschiedener Institutionen im Menschenrechtsbereich und auch der politischen Oppositionsparteien abzulesen ist. Die Suchmaschine im Internet weist zwar nach wie vor unter dem Stichwort „Islamophobie“ in der überwiegenden Mehrheit auf Erwähnungen in französischsprachigen und dann auf englische Quellen hin. Das Rechtschreibprogramm des Computers will das Wort so nicht kennen. Aber für Österreich ergeben sich einige erste Eintragungen nach Abfrage im Internet, die auch dokumentieren, dass man von Seiten der Medien sehr zaghaft von diesem Begriff Verwendung zu machen beginnt.
Mit der ÖVP gab es hin und wieder Kontakte. Nach der Kritik an der Aussage eines EU-Politikers dieser Partei, da er das Bild eines „Harem“ verwendete, der nicht nach Europa geholt werden solle, ergab sich daraus unter anderem ein Termin für ein ausführliches Gespräch bei Frau Generalsekretärin Rauch Kallat, an dem auch weitere Personen teilnahmen. Zuletzt nahm die Frau Generalsekretärin zu den Vorkommnissen an einer HAK in Oberösterreich Stellung, wo einem muslimischen Mädchen die Aufnahme wegen ihres Kopftuchs unmöglich gemacht wurde. Dabei stützte sie klar die Position für das Mädchen. Als Signal in die Zukunft könnte auch verstanden werden, dass in diesem Schreiben von „Klopf- und Rufzeichen“ nach diesem Vorfall gesprochen wird, man also den Bedarf für den Dialog unterstreicht.
Was die FPÖ betrifft, so gibt es hier keinerlei Anzeichen, die wir entdecken könnten, dass in irgendeiner Weise „Islamophobie“ thematisiert würde. Im Gegenteil stimmen jüngste Ereignisse in Oberösterreich sehr nachdenklich, wo man eine Kampagne gegen das Schächten gestartet hat, das Juden und Muslime praktizieren. Die vorhandene Islamophobie wird weiterhin systematisch eingesetzt, um Stimmung gegen Muslime zu machen. Die Muster einer solchen Aktion sind nur allzu bekannt. Diesmal ist es die Fleischkrise, von der man ablenken möchte, um den Wählern einen Weg zu eröffnen, sich möglichen Umdenkprozessen nicht stellen zu müssen, sondern im Gegenteil wieder aus einer Position der moralischen Überlegenheit gegen andere polemisieren zu können. Typisch dabei ist, dass der rechtliche Hintergrund verschleiert wird. Denn mehrere Gerichtsentscheide befassen sich in Österreich mit dem Schächten und unterstreichen das Recht der Juden und Muslime daran festzuhalten.
Als symptomatisch sei auch der Leserbrief eines FPÖ- Politikers vom Januar dieses Jahres in der PRESSE genannt, in dem er auf einen von uns verfassten Artikel zum Thema „Leitkulur“ antwortet und jeglichen Dialog abschneidet. Dabei wird in den Raum gestellt, Muslime kämen nur nach Europa, um ihre Religion zu verbreiten und die unbedingte Geltung des Islam zu beanspruchen. Solange sie nicht dieser „Doktrin“ „abgeschworen“ hätten, könne man nicht über „Beispiele kultureller Unverträglichkeit“ diskutieren. Abgesehen von der Absurdität eines solchen Ansatzes, werden vielfältige Punkte einfach ignoriert. Ein Blick in das Leitbild der Islamischen Glaubensgemeinschaft müsste genügen, würde ernsthaft an eine Beschäftigung mit den Muslimen in Österreich gedacht. Doch setzt man sich mit der FPÖ auseinander, entsteht immer wieder der Eindruck, Integrationspolitik sei in ihren Augen gar nicht nötig, weil die Umsetzung von Konzepten zur „Anpassung“ der Migranten gemeinsam mit einem abgeschnittenen Neuzuzug als Programm genüge.
Versuch einer Definition
Um die vorherigen Überlegungen zu einem vorläufigen Abschluss zu bringen, soll der Begriff „Islamophobie“ hier in der Weise umrissen werden, wie wir ihn für unsere Arbeit verstehen. Dabei greifen wir auch einzelne Elemente der Studie des Runnymede Trust auf:
Islamophobie bezeichnet ein Verhältnis zum Islam als Religion und mehr noch den Menschen dieses Glaubens, das durch heftige emotionsgeladene Abneigung gekennzeichnet ist. Dabei wird durch tiefsitzende Ängste gegenüber dem Islam eine Dimension erreicht, die eine Einstellungsänderung sehr schwierig gestaltet und einen offenen Zugang zum Thema vorerst so gut wie unmöglich macht. Sehr viele Facetten können eine Rolle spielen und der jeweilige Grad der Islamophobie variieren. Islamophobie ist zudem mehr als nur ein Defizit des einzelnen durch die Beschränkung seines Horizonts, das den spannungsfreien Austausch mit dem Islam behindert. Aggressionen können leicht soweit führen, dass Menschen in der Beschränkung durch Islamophobie nicht nur zu ihrem eigenen Opfer werden, sondern auch aktiv ihre Einstellung weitertragen. Polemisieren und Agitieren gegen den Islam und gegen Muslime im persönlichen Umfeld kann genauso die Folge sein wie eine systematische Instrumentalisierung der in der Bevölkerung verbreitet anzutreffenden Islamophobie zu eigenen Zwecken. Islamophobie begünstigt auf fatale Weise die Konstruktion von Sündenböcken. Die Dimension, in der die Islamophobie auf den sozialen Frieden in der Gesellschaft, auf die Wirtschaft, die Forschung, die Politik und andere Segmente negativ einwirkt, wird bisher noch unterschätzt. Dabei ist Islamophobie ein sehr ernstzunehmender Störfaktor und kann zur Blockade vieler Potentiale führen.
Die Position einer entschiedenen Anti-Haltung gegenüber dem Islam wird als berechtigt angesehen, da dieser als statisch und unfähig sich auf neue Situationen einzustellen betrachtet wird. Von der übrigen Welt aus eigenem Selbstverständnis und Willen abgekapselt, wären Muslime nach dieser Betrachtungsweise unfähig zu Kontakten und einer echten Auseinandersetzung unwürdig, was auch in ihrer per se gegebenen Minderwertigkeit begründet liege. So seien Muslime nun einmal nicht zur kritischen Vernunft befähigt, grausam, menschenverachtend, frauenfeindlich, rückwärtsgewandt, schicksalshörig und mehr oder weniger offensichtlich darauf ausgerichtet, anderen Menschen ihre Religion auch noch aufzuzwingen oder die Herrschaft über sie an sich zu reißen. Diese Sichtweise wird durch tradierte Feindbilder, Klischees, Stereotype und Vorurteile gespeist, die scheinbar durch Nachrichten aus der islamischen Welt oder durch negative Einzelvorkommnisse, die auf den gesamten Islam übertragen werden, ihre Bestätigung finden. Gravierend ist auch das Problem, dass aufgrund mangelnder sachlicher Information über den Islam der eigene kulturelle und soziologische Erfahrungshintergrund oder historische Prozesse aus dem eigenen geschichtlichen Kontext einfach auf den Islam und die Muslime übertragen werden, was beispielsweise in hohem Maße für das Thema „Stellung der Frau im Islam“ gilt. Aus dieser Perspektive heraus ist allein das Herantragen des Gedankens, eine kritische Reflexion über die eigene Sichtweise könnte auch im eigenen Interesse lohnend sein, mit Unverständnis und Ablehnung verbunden. Die Begegnung mit dem Islam ist von Widerwillen begleitet und der soziale Umgang mit Muslimen blockiert oder erschwert. Als gleichberechtigter Gesprächspartner käme der Islam nicht in Betracht. Feindseligkeiten gegenüber dem Islam werden vor diesem Hintergrund häufig heruntergespielt oder als berechtigt eingeordnet. Eine bewusste Diskriminierung von Muslimen erscheint Menschen, die als islamophob zu bezeichnen wären, oft sogar angebracht. Zumindest aber wird für den Versuch einer gesteuerten und geförderten Anpassung der muslimischen Bevölkerung plädiert, die mit ihnen im gleichen Lande lebt, an die Art, wie sie ihre eigene Lebensweise einschätzen. Durch die bis jetzt mangelnde Ausformung und differenzierte Verwendung der Begriffe „Integration“ und „Assimilation“ entstehen hier zusätzlich Unschärfen, die zu Lasten der Muslime gehen.
Der offene Zugang würde dagegen eine differenzierte Sichtweise des Islam beinhalten, die diesen als neben dem eigenen anderen Glauben oder einer anderen Lebensanschauung genauso respektwürdig wahrnimmt. Der Blick auf dynamische Prozesse innerhalb der islamischen Welt und der Gemeinschaften der Muslime in Europa, Amerika oder Australien würde nicht verstellt und die Fähigkeit des Islam zu anderen Religionen und Kulturen positiv in Beziehung zu treten geachtet. Mehr Wissen um die Vielfalt innerhalb des Islam bei einer gleichzeitig sehr ausgeprägten gemeinsamen islamischen Ethik könnte diese ausgeglichene Haltung bestärken. So kann durch den offenen Zugang der Weg hin zu einem Dialog eröffnet werden, der Muslime als Partner in Betracht zieht und Kritik am jeweils anderen dabei nicht nur zulässt, sondern ernsthaft diskutiert, weil der Austausch als bereichernd bewertet wird. Die Neugier auf den anderen steht im Vordergrund. Verständnis als Basis gemeinsamen Handelns kann sich entwickeln, weil gegenseitig nicht die Vermutung im Raum steht, der eine wolle durch den Aufbau dieses Verständnisses letztlich doch nur die Abkehr des anderen von seinem Glaubenshintergrund und seiner Lebensweise erreichen.
Der von uns angestrebte offene Zugang zum Islam würde mehr als nur ein sich gegenseitiges Tolerieren mit sich bringen, sondern ehrlichen Respekt füreinander bedeuten, der ein Leben miteinander und nicht nur nebeneinander begünstigt, in dem man sich nicht nur „aushält“, sondern das Andere als allgemeine Bereicherung zulässt.
In diesem Sinne unterstreichen auch wir, dass Islamophobie eine Herausforderung für uns alle bedeutet. Diese ernsthaft anzunehmen, bedeutet einen ersten und möglicherweise zukunftsbestimmenden Schritt auf dem künftigen Weg. Allein das gemeinsame Erarbeiten von Strategien und Aktionsplänen könnte hier bereits eine sehr positive Dynamik schaffen und die aufgeschlossene Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gewinnen.
Die Überwindung von Islamophobie als gesamtgesellschaftliche Herausforderung
Die Beschäftigung mit Islamophobie ist eine gesamteuropäische Aufgabe. Der jeweilige nationale Kontext soll aber nicht aus den Augen verloren werden. Islamophobie kann in den jeweils verschiedenen Milieus auch unterschiedliche spezielle Ausprägungen haben. Der rege Austausch und vergleichende Ansätze sind in der Arbeit dabei gewiss sehr fruchtbar. Das Sammeln von „best practices“ im Umgang mit Islamophobie könnte garantieren, dass gute Erfahrungen mit Strategien und Programmen auch für andere leicht zugänglich werden und zur Adaptierung im eigenen Rahmen einladen. Im folgenden einige Vorschläge, die sich direkt an unserer Arbeit orientieren:
- Analyse der Abwehrreaktionen gegen den Islam auf Basis des Materials, das Diskriminierungserfahrungen von Muslimen spiegelt. Durch diese Beschäftigung können die Punkte ins Blickfeld rücken, die am häufigsten den Anstoß zu negativen Reaktionen liefern. Ängste müssen sichtbar gemacht werden, um zu ihrer Überwindung beitragen zu können.
- Erstellung eines darauf aufbauenden Kataloges von konkreten und immer wiederkehrenden islamophoben Äußerungen
- Sichtung schon geleisteter Forschungstätigkeit auf dem Gebiet und Präsentation für mögliche Multiplikatoren. Viele interessante Ergebnisse und spannende neue Ansätze sind bisher nur einem Fachpublikum zugänglich. Wenn man mit viel Glück mit zehn Jahren und mehr Wartezeit rechnen muss, ehe sich wichtige Erkenntnisse auch der breiteren Öffentlichkeit erschließen, so ist dies zu langwierig.
- Gezielte Entwicklung von Programmen an Schulen, die Heranwachsenden die Möglichkeit eines vorurteilsfreien Zugangs erschließen. Viele Ursachen der Islamophobie können in der Schulzeit liegen, wenn bereits die Schulbücher die üblichen Anschauungen weiterführen. Die umfangreiche Studie von Frau Professor Susanne Heine „Islam zwischen Selbstbild und Klischee“ leistete hier für den deutschsprachigen Raum einen sehr wichtigen Beitrag. Neben der sorgfältigen Überprüfung der Unterrichtsmaterialien sollte aber auch die Gelegenheiten zu einem direkten Kontakt mit Muslimen, die ihre Sichtweise im Dialog einbringen, gegeben sein.
- Informationskampagnen für Erwachsene. Sei es im Rahmen der beruflichen Weiterbildung, sei es durch Medien- und andere Formen der Öffentlichkeitsarbeit. Schon die Vermittlung einiger Tatsachen könnte, würde sie ins Bewusstsein dringen, differenziertere Sichtweisen fördern: Dass Muslime sich schon aus religiösen Gründen auf dem Boden der Verfassung des Landes , in dem sie leben und das ihnen Religionsfreiheit zusichert, bewegen, dass ihre Moscheen nicht aus Steuergeldern finanziert werden, dass die Frau im Verhältnis zum Mann als gleichwertige Partnerin betrachtet wird, um nur einige Beispiele zu geben.
- Politische Partizipation von Muslimen. Das aktive und passive Wahlrecht soll wahrgenommen werden, damit auch auf dieser wichtigen Ebene immer mehr verdeutlicht wird, dass ca. 34 Millionen Muslime in Europa Teil der Gesellschaft sind.
- Beschäftigungsprogramme speziell für muslimische Frauen. Mehrfachdiskriminierung führt oft zu einer so gut wie chancenlosen Situation am Arbeitsmarkt. Muslimische Kleidung darf kein Hindernis für Berufstätigkeit sein, denn gerade hier können gängige Klischees über die Rolle und den sozialen Status der muslimischen Frau abgebaut werden und sich neue Perspektiven für Frauen auftun.
- Maßnahmen in Richtung eines „empowerment“ der zweiten und dritten Generation. Junge Menschen aus Migrantenfamilien sind besonders geeignet, eine Funktion als Brückenbauer übernehmen zu können. Ihre Qualitäten wie Mehrsprachigkeit, soziale Kompetenzen im Bereich der Fähigkeit, verschiedenste soziale Rollen ausfüllen zu können und sich in unterschiedlichen Kulturen bewegen zu können, werden noch immer zu sehr unterschätzt.
- Tage der Offenen Tür an Moscheen. Diese Form der Begegnung hat sich als besonders wirkungsvoll herausgestellt, weil hier vor Ort aus der Initiative der Muslime selbst heraus Hemmschwellen beseitigt werden können.
- Einbeziehung von Muslimen in die Diskussion von gesellschaftspolitischen und allgemein interessanten Themen. Die Rede von der „gegenseitigen Bereicherung“ muss so lange eine Worthülse bleiben, als Muslime in der Regel höchstens dann um eine Stellungnahme gebeten werden, wenn es um eine Katastrophe in der islamischen Welt geht. Die Erwartungshaltung, die damit verbunden ist, löst dabei Unbehagen aus, denn nicht selten werden Muslime in eine Lage gebracht, sich für Vorkommnisse außerhalb ihres eigenen Lebenshintergrunds rechtfertigen zu sollen.
- Allgemein stärkere Sichtbarmachung von Muslimen durch Teilhabe in allen gesellschaftlichen Bereichen
Carla Amina Baghajati
Copyright © by Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich Alle Rechte vorbehalten. Publiziert am: 2003-11-24 6894 mal gelesen [ Zurück ]
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