Imamekonferenzen
Die "Grazer Erklärung" fand in Fachkreisen ein großes und positives Echo.
Im Namen des Gnädigen und Sich Erbarmenden Gottes
Die Konferenz „Leiter islamischer Zentren und Imame in Europa“ tagte vom 13.04. bis 15.04. 1424 H. (13. bis 15. Juni 2003) in der europäischen Kulturhauptstadt Graz.
Initiatoren:
- Dr. Benita Ferrero Waldner, Bundesministerin für auswärtige Angelegenheiten
- Prof. Anas Schakfeh, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft
- Dr. Mustafa Ef. Ceric, Reis-ul-Ulema, von Bosnien und Herzegowina
Veranstalter:
- Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich
Co-Veranstalter:
- Islamische Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur ISESCO
- Europäische Islamische Konferenz EIC
- Islamische Glaubensgemeinschaft in Bosnien und Herzegowina
Gastgeber:
- das österreichische Außenministerium für auswärtige Angelegenheiten
- das Land Steiermark
- die Stadtgemeinde Graz
Nach dreitägiger Diskussion und Beratung hat die Konferenz „Leiter islamischer Zentren und Imame in Europa“ folgende Erklärung verabschiedet:
Die Konferenz bedankt sich bei allen Institutionen, die das Zustandekommen dieses fruchtbaren Gedankenaustausches ermöglicht haben. Eine Übereinstimmung in der Bewertung der Herausforderungen der Moderne in Europa wurde spürbar. Einigkeit bestand auch in der theologischen Wahl der Mittel, um zu einem konstruktiven Umgang zu gelangen. So konnte ein wichtiger Grundstein für die weitere Zukunft gelegt werden.
Es leben in Europa heute mehr als 10% der Gesamtbevölkerung mit einem muslimischen Bekenntnis. Die gleiche Religion verbindet sie alle, auch wenn sie kulturell und traditionell sehr oft verschiedene Prägungen ausweisen. Vielfalt ist eine Realität auch innerhalb des Islam, die zu allen Zeiten als Segen galt. Vielfalt auch als Reichtum an Optionen zur Lösung von neu auftauchenden Fragen zu nutzen, ist eine Chance. Sich dieser vielfältigen Betrachtungsweise auf dem Boden einer Religion bewusst zu machen, ist eine in dieser Form neue Tatsache. Denn in Europa findet ein direkter lebendiger Gedankenaustausch statt, der so gefördert und institutionalisiert, auch wertvolle Impulse in die islamische Welt senden könnte. Die Konferenzteilnehmer betonten so die theologischen Mittel wie „Idschtihad“, das Prinzip der
freien Meinungsbildung im Gefüge des Islam, die Freiheit mit dem Wissensschatz der verschiedenen Rechtsschulen kreativ und dialogisch umzugehen und überhaupt die zentrale Rolle des Intellekts. Islam in seiner Kernbotschaft, in seiner Aufgeschlossenheit den Wissenschaften gegenüber und seinem Bildungsgebot enthält den ständigen Aufklärungsaspekt.
Mit aller Entschiedenheit vertreten die Konferenzteilnehmer, dass es so wenig wie es einen afrikanischen, arabischen oder sonstwie ethnischen Islam gibt, auch nicht von einem „europäischen“ Islam gesprochen werden kann. Nur der Begriff „Islam in Europa“ kann treffend wiedergeben, dass ein Islam europäischer Prägung sich selbstverständlich aus dem dynamischen Selbstverständnis der einen Religion Islam heraus entwickelt. Diesen Prozess mit ihrem theologischen Fachwissen zu begleiten und zu unterstützen, sehen die Imame und LeiterInnen islamischer Zentren als ihre Aufgabe.
Muslime teilen mit den anderen Religionsgemeinschaften und Weltanschauungen gemeinsame Normen und Werte. Die Stellung der verwandten monotheistischen Religionen wird dabei besonders hervorgehoben. Der Koran sagt in Sure 2, Vers 285: „Der Gesandte glaubt an das, was ihm von seinem Herrn herabgesandt wurde, und ebenso die Gläubigen. Alle glauben an Allah und Seine Engel und Seine Schriften und Seine Gesandten und machen keinen Unterschied zwischen Seinen Gesandten und sie sprechen :“ Wir hören und gehorchen. Schenke uns Deine Vergebung, unser Herr! Und zu Dir ist die Heimkehr.“
Der Islam ist durch historische und kulturelle Verflechtungen untrennbar mit der Geschichte Europas verbunden. Sich dessen verstärkt zu besinnen und den konstruktiven Dialog miteinander auszubauen und zu vertiefen, ist eine Bereicherung und vielversprechende Notwendigkeit. Der Koran spricht hier in Sure 16, Vers 125: „Lade zum Weg deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung ein und diskutiere mit ihnen auf die beste Art und Weise....“
Damit der Pluralismus zur Bewahrung von sozialem Frieden und sozialer Gerechtigkeit beiträgt und die Menschen einander näher bringt, dient der Koranvers 49/13 der Orientierung, in dem es heißt: „Oh ihr Menschen! Wir erschufen euch aus einem Mann und einer Frau und machten euch zu Völkern und Stämmen, damit ihr einander kennenlernt. Doch der vor Allah am meisten Geehrte ist der Gottesfürchtigste unter euch. Allah ist fürwahr wissend, kundig.“
Um ihrer Verantwortung innerhalb der Gesellschaft gerecht zu werden, beschließt die Konferenz folgendes in drei Themenbereichen behandeltes:
- Die europäischen Muslime sind sich ihrer religiösen Identität als Muslime und ihrer gesellschaftlichen Identität als Europäer gleichermaßen bewusst. Die Einbürgerung stellt keinen Widerspruch in theologischer Hinsicht dar.
- Die islamische Botschaft ist auf Mäßigung gebaut. Daraus resultiert die klare Absage an jegliche Form von Fanatismus, Extremismus und Fatalismus.
- Die mittelalterliche Einteilung in eine Welt der Gegensätze von „Dar als Islam“ = Haus des Islam und „Dar al harb“ = Haus des Krieges ist abzulehnen. Sie hat weder eine Grundlage im Koran, noch in der „Sunna“ und ist als historisches, längst überholtes Phänomen von keinerlei heutiger Relevanz..
- Menschenrechte sind ein zentraler Bestandteil des Islam. Die Würde des Menschen als eines von Gott aus der gleichen Substanz geschaffenen Wesens zu bewahren und aktiv für Menschenrechte einzutreten, ist ein selbstverständlicher Auftrag jedes Muslim und jeder Muslime.
- Mann und Frau sind im Islam einander gleichwertige Partner. Mehr als das tragen sie gegenseitige Verantwortung. Frauen genießen im Islam von Beginn an wesentliche Rechte, die ihren Status sichern. Frauenrechte sollen daher keine Theorie sein. Es gilt sie in allen Facetten zum Tragen zu bringen. Partizipation von muslimischen Frauen in den verschiedensten Gebieten des gesellschaftlichen Lebens ist ein wesentliches Kriterium. Alle Konferenzteilnehmer bekennen sich zur theologischen Zusammenarbeit von muslimischen Männern und Frauen und fördern und unterstützen sie.
- Die Muslime müssen ihre Loyalität der Verfassung und dem Gesetz gegenüber auch in deren säkularer Struktur kundgeben.
- Pluralismus gilt im Islam als von Gott gewollt. Der Umgang damit ist nicht nur im Wetteifern in guten Taten und im Dialog definiert und als Auftrag an die Muslime formuliert. Der Gedanke der Demokratie ist mit dem Prinzip der „Schura“, der gegenseitigen Beratung, im Koran verankert.
- Partizipation auf allen Gebieten ist so ein zutiefst islamischer Grundsatz, der das harmonische und von gegenseitiger Bereicherung getragene Zusammenleben in einer immer pluralistischeren Welt fördert.
Die Teilnehmer betonen mit Nachdruck eine Reihe von Wünschen an die europäischen Staaten. Auch vor dem zu wenig allgemein wahrgenommen Hintergrund, dass der Islam einen Teil der europäischen Kulturgeschichte bildet, ist er im Sinne der breiten Bewusstmachung als Bestandteil der europäischen Gesellschaft sichtbar zu machen, dass gesellschaftliche Integration nicht Assimilation bedeuten kann. Gegenseitige Anerkennung und Respekt ebnen den Weg zu Integration von Muslimen als Muslimen.
- Der Anerkennungsstatus des Islam wie er in Österreich bereits lange besteht, garantiert ein rechtlich definiertes Verhältnis, das die Integration der Muslime als Bestandteil der Gesellschaft fördert. Dazu gehören das Recht auf freie und öffentliche Religionsausübung und das Recht auf innere Autonomie, das die Bewahrung der Eigenständigkeit ermöglicht, wie es das islamische Prinzip der dynamischen Betrachtung spezifischer Situationen vor dem Hintergrund von Zeit, Ort und handelnden Personen fordert. Für die Muslime in Europa ist nach diesem Vorbild allgemein der Status der Anerkennung in den verschiedenen Staaten anzustreben. Die Konferenz appelliert hier an die maßgeblichen Stellen in dieser Richtung aktiv zu werden.
- Die Errichtung von Moscheebauten, die Einrichtung von islamischen Friedhöfen, das Recht auf Teilnahme im Berufsleben für Frauen mit islamischer Bekleidung und das Recht zum Schächten sind unbedingte Erfordernisse für die muslimische Gemeinschaft. Der Ausbau der Infrastruktur befestigt den sozialen Frieden und schafft Transparenz.
Imame und muslimische Theologinnen tragen wesentlichen Anteil an der Bildung und Erziehung und dem Aufbau einer islamischen Infrastruktur. In diesem Bereich sind eine Reihe von Aufgaben vordringlich. Vorurteile, Klischees, Stereotype und tradierte Feindbilder können nur auf dem Wege einer Bildungsoffensive angegangen werden. Diese sollte Züge des gemeinsamen Vorgehens tragen. Friedenserziehung ist eine euch gemeinsam zu behandelnde Aufgabe unserer Zeit.
- Von Seiten der Muslime ist die Ausbildung und Heranbildung der Jugend vordringlich. Hier hat sich das Mittel des in den Schulalltag integrierten Islamunterrichts bewährt. Islamunterricht trägt dazu bei, Differenzen zwischen Tradition und islamischer Lehre aufzuzeigen und zu überwinden. Er fördert die innermuslimische Integration durch die lebendige Vielfalt der teilnehmenden SchülerInnen und schafft somit Identität als Muslime und Europäer. Qualitätvolle, institutionalisierte islamische Bildung ist ein Garant für die Vermeidung von Engstirnigkeit, Fanatismus und Fatalismus. Dazu gehört die Gründung von Fakultäten zur Ausbildung auf dem europäischen Boden beheimateter islamischer Rechtsgelehrten.
- Von Islamischen Fakultäten aus soll das Entstehen eines neuen Rechtssystems begünstigt werden, das mit der europäischen Gesellschaft in Einklang steht.
- Sprachenerwerb soll forciert werden. Nur wer die Sprache des Landes, in dem er lebt, beherrscht, kann sich als echter Teil dieses Landes begreifen.
- Ausgebildete Muslime können auf der Basis ihres Wissens Brückenbaufunktionen übernehmen. Dies nicht nur auf intellektuellem Gebiet im Bereich der Universitäten zur Förderung der interdisziplinären Zusammenarbeit. Auch in praktischem Sinne sind Muslime, die eine solide Kenntnis des eigenen Hintergrundes mit dem Wissen um die europäische Situation vereinigen, eine Stütze beim Aufbau sozialer Einrichtungen wie Mediationszentren oder Krisenberatungsstellen. Auch auf dem Dienstleistungssektor werden ihre Leistungen zunehmend gefragt.
- Noch wird das Bild des Islam stark durch Massenmedien und die zum Teil mangelhafte Information, die auf Wissenslücken aus der Schulzeit gründet, bestimmt. Hier wäre eine Institutionalisierung bestehender Initiativen anzustreben, die beispielsweise auf dem Sektor von Studien oder Programmen zur Begegnung mit SchülerInnen im Rahmen des Unterrichts bisher eher auf privates Engagement angewiesen sind.
- Muslime sind hierbei aufgerufen ihre Pflicht zur „Dau’a“ so zu verstehen, dass sie zu Information aufgerufen sind und jene Ethik, die ihnen der Islam mitgibt, auch in ihrem persönlichen Leben weitestgehend erlebbar machen sollen.
1. Die Konferenz empfiehlt die Bildung einer Gelehrtenkommission zur Formulierung der muslimischen Anliegen in Europa zur Vorlage dieser Anliegen beim Europäischen Konvent, damit diese Anliegen bei der endgültigen Formulierung der Verfassung eine Berücksichtigung finden . Die Kommission soll dann dieses Dokument dem Präsidium des Konvents in Thessaloniki in Griechenland übergeben.
2. Die Konferenz empfiehlt die Einrichtung eines muslimischen Verbindungsbüros in Brüssel, um die Angelegenheiten, welche für die Muslime in Europa von Bedeutung und Interesse sind, bei den Organen der Europäischen Union zu betreuen.
3. Die Konferenz hat die Gründung eines ständigen Rates der Imame und muslimischen Seelsorgerinnen in Europa beschlossen. Die Europäische Islamische Konferenz EIC hat für die administrativen Schritte zur Realisierung dieses Vorhabens Sorge zu tragen.
4. Die Konferenz empfiehlt die Bildung einer Erkundungskommission aus einer begrenzten Anzahl von muslimischen Religionsjuristen in Europa um Nigeria zu besuchen, damit sie dort an Ort und Stelle die Umstände des Urteils gegen Frau Amina Lawal erfahren können. Sie sollen sich darüber hinaus mit den zuständigen nigerianischen Justizbehörden über diese Angelegenheit direkt beraten.
5. Die Konferenz empfiehlt die Gründung eines Islamischen Zentrums in Graz, um die religiösen Dienste in adäquater Form für die muslimische Bevölkerung in dieser Stadt zu ermöglichen. Die Konferenz appelliert in diesem Zusammenhang an die öffentlichen österreichischen Körperschaften der Stadtgemeinde Graz, des Landes Steiermark und der Bundesregierung die effektive Hilfestellung zur Realisierung dieses Vorhabens zu gewähren.
6. Die Konferenz ersucht Herrn Prof. Anas Schakfeh, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, Schreiben im Namen der Konferenz an alle österreichischen und islamischen internationalen Institutionen zu richten, um ihnen allen für ihre Mitgestaltung und Unterstützung dieser Konferenz den Dank auszusprechen..
Graz, am 15.04.1424 H.
15.06.2003
Veranstaltet von der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich
in Zusammenarbeit mit dem österreichischen Außenministerium, der Stadt Wien
und der Europäischen Islamischen Konferenz
Schlusserklärung der Konferenz
Den Islam in Europa theologisch als kompatibel mit den Prinzipien der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit, des Pluralismus und der Menschenrechte zu verorten, ist der Standortbestimmung der „Konferenz Leiter islamischer Zentren und Imame in Europa“ im Jahre 2003 in der damaligen europäischen Kulturhauptstadt Graz gelungen. Gleichzeitig wurden jegliche Form von Fanatismus, Extremismus und Fatalismus klar verurteilt. Damit wurde nicht nur innermuslimisch ein wichtiges Zeichen der Orientierung gesetzt, sondern es sollte auch der Integrations- und Identifikationsprozess der Muslime, die in der Vielfalt ihrer ursprünglichen Herkunft ca. 50 Millionen Personen in Gesamteuropa umfassen, durch die Betonung des Partizipationsgedankens befördert werden. Als Zeugnis muslimischen Selbstverständnisses sollte aber auch nach außen ein wichtiges aufklärendes Signal getätigt werden, das Ängsten und Vorbehalten entgegenwirken könnte, um das friedliche und von gegenseitigem Verständnis und Respekt getragene Miteinander zu bestärken.
2006 muss von den Konferenzteilnehmern nüchtern festgestellt werden, dass es noch großer Anstrengungen auf allen Seiten bedürfen wird, um die Akzeptanz der Muslime in der Mehrheitsgesellschaft zu erreichen. In verschiedenen europäischen Ländern sind soziale und wirtschaftliche Spannungen gleichzeitig in Zusammenhang mit einer oft aggressiv und emotional geführten „Ausländerdebatte“ zu bringen. Muslime werden pauschalierend benutzt, um ein Bild des „Fremden“ entstehen zu lassen, das in Zeiten der Unsicherheit Halt in einer negativen Abgrenzung bietet. Es scheint, als solle damit ein „Wir“-Gefühl erzeugt werden, das Gesellschaften, die massiv unter einem Verlust des sozialen Zusammenhangs leiden, zunehmend abhanden kommt.
Gleichzeitig sehen sich Muslime einem starken Rechtfertigungsdruck ausgesetzt, da nach dem Prinzip „bad news is good news“ in der öffentlichen Wahrnehmung die Krisenberichterstattung Bilder von Aggression und Gewalt, oft an außereuropäischen Schauplätzen, in den Vordergrund rückt. In der Diskussion tauchen immer wieder Kritikpunkte auf, die anhand einzelner Missstände eine Unverträglichkeit „islamischer“ mit „westlichen“ Werten zu konstruieren suchen. Hier wird es von Seiten muslimischer Gelehrter nicht genügen, sich mit dem Verweis, dass solcherlei negative Erscheinungsformen im Gegensatz zur islamischen Lehre in überkommenen Traditionen wurzelten, als nicht weiter zuständig zu erklären. In der theologischen Argumentation liegen schließlich große und erprobte Möglichkeiten, nachhaltige Bewusstseinsveränderungen herbeizuführen. Diese sollen als Teil der Lösung aber auch erkannt, respektiert und im öffentlichen Diskurs gefördert werden.
Die Moderne rückt die persönliche Verantwortung jedes einzelnen mündigen Bürgers stärker als je in den Mittelpunkt. Wir stehen vor gewaltigen Herausforderungen, was die Bewahrung von Frieden und Sicherheit, die Frage sozialer Gerechtigkeit und den Erhalt der Umwelt betrifft. Die Religionen leisten mit ihrem Appell zu verantwortlichem Handeln, das vom Gedanken an das Wohl anderer getragen sein soll, einen entscheidenden Beitrag. Sie können einen positiven Ausgleich zu auf Konsum ausgerichteten, an der individuellen Spaßoptimierung abgestellten Lebenseinstellungen schaffen.
Der Islam trägt einen lösungsbezogenen Ansatz in sich, indem Vielfalt als gottgewollt nicht in Frage gestellt werden soll, sondern gelassen in mehr Kenntnis mündend nutzbar zu machen ist. „Gute Werke“ bilden eine Maxime des Handelns. Wie eng Friede und Gerechtigkeit zusammen liegen, zeigt der Anspruch diskriminierungsfreien, gerechten Umgangs miteinander auf, unabhängig von Herkunft, Religion, gesellschaftlichem Ansehen oder Alter:
„Diejenigen, die glauben und ihren Glauben nicht mit Unrecht vermischen, sie sind es die Sicherheit haben und sie sind es, die rechtgeleitet sind.“ (Sure 6, Vers 82)
Die Konferenz beschäftigte sich in Arbeitsgruppen detailliert mit einzelnen Aspekten:
Daraus gingen folgende Überlegungen hervor:
1. Der religiöse Anspruch persönliche Bereitschaft zu zeigen, Verantwortung für das Allgemeinwohl zu übernehmen, bildet die Grundlage eines integrativen Zugangs, der den jeweiligen Lebensmittelpunkt zum vordringlichen Radius macht. So ist es natürlich, dass Muslime das Gastarbeiterimage zu überwinden suchen. Sie betrachten sich nicht als „Fremdkörper“, sondern als lebendigen Teil Europas. Große historisch gewachsene muslimische Populationen sind eine Tatsache. Der Islam ist auch aus der Leistung seines großen wissenschaftlichen und kulturellen Erbes direkter Bestandteil der europäischen Identität.
2. Integration und Assimilation dürfen als Begrifflichkeiten nicht vermischt werden, wie dies bisher oft der Fall ist. Die Interaktion mit der Mehrheitsgesellschaft darf nicht zur Voraussetzung haben, bedingungslos Religion, Kultur und sprachliche Vielfalt aufgeben zu sollen. Die mit Assimilationsforderungen implizierte Annahme der Minderwertigkeit des „anderen“ führt zu Abkapselung und Ghettoisierung.
3. Integration ist keine Einbahnstraße, sondern als beidseitiger Prozess zu verstehen. Als aktiver und sichtbarer Teil suchen sich Muslime auf allen Gebieten bereichernd und ergänzend zu beteiligen: wirtschaftlich, kulturell, wissenschaftlich, politisch, sozial. Voraussetzung hierzu ist die Beherrschung der Landessprache als Instrument der Kommunikation. Von der Mehrheitsgesellschaft erwarten wir ein Bekenntnis zu Diversität, eine Haltung gegen Tendenzen von Rassismus und Diskriminierung. Anreize und Möglichkeiten der verbesserten Partizipation liegen in der erleichterten Einbürgerung bei gelungener Integration, bei der Familienzusammenführung, beim Zugang zum Arbeitsmarkt, diversitiy management, positiver Diskriminierung und Quoten, der Nostrifizierung ausländischer Bildungsgänge, der demokratischen Teilhabe (z.B. kommunales Wahlrecht).
4. Bei der Definition und der Verwendung des Begriffs „Parallelgesellschaft“ soll mehr Sorgfalt gehegt werden. Die berechtigte Pflege von Kultur und Religion innerhalb eines geschützten Raumes soll nicht bereits unter den Generalverdacht von bewusster Abkapselung gestellt werden. Die Querverbindungen, Vernetzungen und der Dialog nach draußen zeigen, dass es hier nicht um eigene Abschottung, sondern um „community“-Bildung geht, deren Ziele, etwa in der Aufgabe sozialer Aufgaben, der Gesellschaft zugute kommen können. In einer Zeit wachsenden Pluralismus wäre es von Vorteil, wenn sich eine Einstellung durchsetzen könnte, die es als selbstverständliche Gegebenheit betrachtet, dass die Bevölkerung verschiedenste Interessens- und Neigungsgruppen umfasst, die möglichst in Ergänzung und Bereicherung vielfältige Überlappungen und Schnittstellen bilden.
5. Unter diesem Aspekt sind auch Anstrengungen von muslimischer Seite zu betrachten, die Institutionalisierung eigener Einrichtungen anzustreben. Kindergärten, Schulen oder auch die Moscheeaktivitäten dürfen nicht als „antiintegratives Gegenmodell“ mit einer Vorverurteilung belegt werden. Denn erste Erfahrungen beweisen, dass kluge und pädagogisch ausgereifte Konzepte, die auch Elemente der Kooperation und Vernetzung mit anderen Einrichtungen aufweisen, das Empowerment der jungen Generation stärken können, aber auch Brückenbaufunktionen übernehmen können.
6. Moscheen stellen einen wesentlichen Aspekt im muslimischen Gemeindeleben dar. Ihre Unabhängigkeit, auf geistig-moralischer Ebene wie finanziell, ist ein Schlüssel für die authentische Entwicklung der Identität eines „Islam in Europa“. Imame und andere Funktionsträger, Männer und Frauen, innerhalb der muslimischen Community sind wichtige Multiplikatoren und haben Vorbildfunktion. Die Beteiligung von Frauen ist zu fördern. Um die Lebenswirklichkeit der Gemeinde in der Arbeit aufgreifen zu können, ist nicht nur sprachliche Kompetenz (Erwerb der Landessprache) eine Voraussetzung, sondern auch Wissen um gesellschaftliche Strukturen und Entwicklungen. Denn im Islam sind gesellschaftliche Rahmenbedingungen unbedingt bei der Beantwortung religiöser Fragen auf Basis der Quellen zu berücksichtigen. In der Aus- und Fortbildung der Imame steckt in Europa noch ein großes Entwicklungspotenzial. Sie sollen aus der Rolle der Respektperson heraustreten und zur Vertrauensperson werden, wozu es vermehrter sozialer Kompetenz bedürfen wird. Gebraucht werden eigene Bildungsinstitutionen, aber auch gezielte Weiterbildungsprogramme, die an den lokalen Bedürfnissen orientiert sind. Die Moschee soll auch in ihrer traditionellen Rolle als sozialer Knotenpunkt ins allgemeine Bewusstsein treten, indem entsprechende Aktivitäten von einer offenen Haltung nach draußen begleitet werden.
Viel versprechend erscheinen hier die Ansätze von Bradford / England, wo eine Einbindung der lokalen Moschee-Gemeinden und Imame in Fortbildungsprojekte erfolgt.
7. Presse- und Meinungsfreiheit sind ein unverzichtbares und allgemeines Gut. Es besteht kein Widerspruch zur Religionsfreiheit, da beide eng miteinander verknüpft sind. Meinungsfreiheit soll in Verantwortung ausgeübt werden und in Beachtung gegenseitigen Respekts. In Europa hat sich – von Land zu Land teilweise auch mit Unterschieden- doch ein gewisser gesellschaftlicher Konsens gebildet, wo Bereiche liegen, die eines besonderen Feingefühls bedürfen. Auch Gesetze kennen – wieder in unterschiedlicher Form – Paragraphen mit Schutzbestimmungen. Wir sehen, dass sich im Umgang mit dem Islam ein solcher Konsens erst noch bilden muss. Da wir uns zum Dialog als beste Lösung im Konfliktfall bekennen, sehen wir hier auch die beste Möglichkeit mehr gegenseitiges Verständnis zu erreichen.
1. Bildung ist im Islam geradezu eine Lebenseinstellung, da lebenslängliches Lernen vorausgesetzt wird. Die Zugänglichkeit ist unabhängig von der sozialen Schicht zu gewährleisten. Viele Probleme ließen sich über Bildungsmaßnahmen konstruktiv angehen, indem damit eine Stärkung der Persönlichkeit, die Fähigkeit zu Selbstreflexion und Eigenkritik einhergeht.
2. Horizonte zu erweitern wird aber auch gezielter Förderung der Mehrheitsgesellschaft bedürfen. Die soziale Durchlässigkeit des Bildungssystems ist in vielen europäischen Staaten problematisch, wovon Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund besonders betroffen sind. Die Problematik von „Ghettoschulen“ oder die hohe Zahl von Migrantenkindern in Sonderschulen soll vor dem sozialen Hintergrund gesehen werden und nicht als kulturell oder religiös bedingtes Phänomen.
3. Chancengleichheit muss aktiv gefördert werden. Dazu gehören Investitionen in frühzeitigen Spracherwerb, Lernbegleitung und Lernberatung und beidseitige interkulturelle Kompetenz. Moscheen und muslimische Vereine können hier aktiv eingebunden sein. Gleichzeitig geht es um den Abbau von Rassismus und Islamfeindlichkeit. Schulbildung prägt fürs Leben, weshalb Stereotypen, die über den Islam auf diesem Wege verbreitet wurden, besonders schwer zu überwinden sind, wie eine Schulbuchstudie von Frau Prof. Susanne Heine für Deutschland und Österreich nachwies. Heute bemüht man sich stärker und der Problematik bewusster um einen einfühlsamen und aufklärerischen Ansatz bei der Behandlung des Islam in Schulbüchern. Diese Tendenz ist noch zu verstärken und unterstützen.
4. Unbestritten ist die positive Rolle des Kindergartens auf die Entwicklung des Kindes. Die Vorteile für sprachliche und soziale Entwicklung sind so groß, dass hier der Keim für ein späteres positives Fortkommen liegt. Die Empfehlung für den Kindergartenbesuch ist verbunden mit dem Hinweis, dass die Attraktivität für muslimische Eltern wesentlich zu steigern wäre, könnte auf ihre speziellen Bedürfnisse unter den Stichworten Interkulturalität und Beachtung religiöser Praxis (halal-Speiseangebot) besser eingegangen werden. Muslimische Kindergärten, die hier ein maßgeschneidertes Angebot haben, können oft gerade Kinder erreichen, deren Eltern sonst von einem Besuch Abstand genommen hätten. Als Programm zur späteren besseren Integration in die Regelschule sollen sie mehr Förderung erfahren.
5. Religionsunterricht im Islam im Rahmen des Regelunterrichts an öffentlichen Schulen soll endlich als wirksames Instrument der Integration wahrgenommen werden. Die sichtbare Gleichstellung mit anderen Religionsgemeinschaften wirkt sich günstig auf das Zugehörigkeitsgefühl aus. Der in seiner Bedeutung unbestrittene Dialog der Religionen wird sich nur an die Basis tragen, wenn auch seine Mitglieder religiöse Wurzeln und Werte kennen. Darüber hinaus trägt Religionsunterricht zur Identitätsbildung aktiv bei, indem Unterschiede zwischen religiöser Lehre und kulturell bedingten Traditionen aufgezeigt werden und das Bewusstsein als Teil der europäischen Gemeinschaft gestärkt wird. Realitätsbezogener Unterricht in der jeweiligen Landessprache soll extremistische Meinungen als solche bloßstellen und einer Selbstethnisierung durch sprachliche oder vom Ursprungsland herrührende Ghettoisierung vorbeugen. Diese Qualität des Unterrichts soll sich auch auf die Entwicklung der Koranschulen in den Gemeinden mit ihrem zusätzlichen Angebot vor allem auf dem Gebiet der Koranrezitation und der Pflege der Muttersprache positiv niederschlagen. Dabei ist besonderes Augenmerk auf die Entwicklung didaktisch geeigneter Lehrmaterialien zu legen. Liedtexte, Kopiervorlagen und Bücher sollen im Einklang mit dem offiziellen approbierten Lehrplan und seiner Zielrichtung stehen. Die Lehrpläne und Lehrbücher werden ständig reformiert und an die neuen Gegebenheiten angepasst.
6. Erwachsenenbildung ist mehr als einzig Sprachunterricht. Hier sollen gezielte Programme sinnvolle Freizeitgestaltung fördern.
1. Eine Wurzel von großen Missverständnissen liegt in dem Vorwurf an die Muslime, ein gespaltenes Verhältnis zum Staat zu haben, indem sie den Gedanken der Trennung von Macht- und Aufgabenbereichen zwischen politischer und geistlicher Führung nicht vollzogen hätten. Hier wäre ein historisch genaueres Bewusstsein sehr hilfreich, das auch die Entwicklung der islamischen Länder berücksichtigt, was in den schulischen Lehrplänen fast völlig vernachlässigt wird. Dieses Wissen könnte von Muslimen vielfach als überheblich empfundene eigenzentrierte Sichtweisen positiv erweitern und die prinzipielle Vergleichbarkeit historischer Abläufe hinterfragen, die jetzt unter dem Stichwort „mangelnde Aufklärung“ im europäischen Diskurs zum Allgemeinplatz wurde. Die Aufgeschlossenheit gegenüber den Wissenschaften wurde ein wesentlicher Faktor für die Entwickeltheit islamischer Gesellschaften, von der auch Europa gerade als Impulse für die Aufklärung profitierte. De facto war die politische Führung über weiteste Strecken der islamischen Geschichte autonom und gestaltete sich nicht in Personalunion mit den religiösen Würdenträgern.
2. Umgekehrt kann besseres historisches Verständnis der europäischen Geschichte Muslimen gewisse Befindlichkeiten erklären und das gegenseitige Verständnis vertiefen.
3. Auch der Begriff „Scharia“ wird immer wieder völlig falsch interpretiert (etwa als „Strafrecht“) und angewendet, woraus große Ängste und Abwehrhaltungen resultieren. Auch hier appellieren wir an die gebotene Sachlichkeit und korrekte Definition, die in der Betonung des dynamischen Charakters bei der Auslegung der Quellen gerade geeignet ist, Vorurteile zu entkräften. Wie kontraproduktiv Scheinwissen ist, zeigt die wiederholt laut gewordene Forderung nach „Abschaffung der Scharia“, die völlig absurd ist, da die Scharia die Glaubenspraxis auf Grundlage der Quellen regelt, also etwa Fragen nach der Gebetswaschung, der Höhe der sozial-religiösen Pflichtabgabe für Bedürftige usw. Solche unqualifizierten Äußerungen können dem nötigen vertrauensbildenden Prozess nur abträglich sein, da er von Muslimen als Ruf nach Abschaffung des Islam verstanden werden muss.
4. Die Vereinbarkeit einer demokratischen Ordnung mit dem Islam wurde wiederholt durch offizielle muslimische Erklärungen unterstrichen. Die Identifikation mit dem Staat ist dann naturgemäß besonders hoch, wenn eine größtmögliche Deckungsgleichheit mit persönlichen Wertvorstellungen damit einhergeht. Somit ist das Modell des Anerkennungsstatus für den Islam, wie es in Österreich besteht, tatsächlich besonders geeignet, da es über die emotionale Ebene der Zugehörigkeit einen institutionalisierten Dialog mit sich bringt. Damit wird mit und nicht über Muslime geredet, können Sachfragen im Lande geklärt werden, ohne dass man auf ausländische Gutachten zurückgreifen müsste, die immer die Problematik in sich bergen, weder der konkreten Situation völlig angemessen zu sein, noch eigenständig aus der lokalen muslimischen Community erwachsen zu sein, die sich statt mit der geforderten Eigenständigkeit oft „von außen“ bestimmt sehen würde.
5. Die Teilhabe von Menschen mit muslimischem Hintergrund an demokratischen Entscheidungsfindungsprozessen soll gesteigert werden. Die Imame weisen nicht nur darauf hin, passiv persönlich vom Wahlrecht Gebrauch zu machen, sondern auch aktive Möglichkeiten der Partizipation z.B. in Elternvertretungen von Schulen oder bei ArbeitnehmerInnenvertretungen aktiv zu unterstützen, aber auch innerhalb der Parteienlandschaft.
6. Die Politik ist gefordert ihren Part im beidseitigen Prozess der Integration ernst zu nehmen. Hand in Hand mit integrationspolitischen Maßnahmen sollten solche zum Abbau von Fremdenfeindlichkeiten in all ihren Erscheinungsformen, auch jener der Islamfeindlichkeit, greifen. Mit Besorgnis sind Tendenzen festzustellen, wo diskriminierende Haltungen gegen Muslime in die Politik Eingang finden. Hier soll es keine Sondergesetze geben, denn Muslime dürfen nicht mit einer Art Generalverdacht belegt werden. Die Beweislastumkehr ist ein Verstoß gegen die Rechtsstaatlichkeit.
7. Rassismus ist Unrecht und jede Herrschaft, die darauf gründet, ist illegitim. Antisemitismus und Islamfeindlichkeit sind aufarbeitungsbedürftig. Auch Muslime sind nicht vor Rassismus gefeit. Die Imamekonferenz spricht sich gegen jede Form von Rassismus und von ethnischer Diskriminierung innerhalb der muslimischen Gemeinden Europas aus.
1. Wohlstand soll im Islam nicht auf Kosten anderer erworben werden, sondern mit
Verantwortung verbunden sein - Gesellschaftlich unter dem Aspekt sozialer
Gerechtigkeit und ökologisch unter dem Gesichtspunkt nachhaltigen Wirtschaftens,
das sorgsam mit den Ressourcen umgeht und die Schöpfung zu pflegen und zu
bewahren sucht.
2. Menschenwürdiges Leben in Gegenwart und Zukunft zu sichern ist aus islamischer ökonomischer Sicht mit einer Reihe ethischer Richtlinien verbunden. Dazu gehören ein Zinsverbot, ein Monopolverbot, das Verbot von Spekulationen und die Pflicht zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Konsum und Rohstoffen.
3. Islamische Wirtschaftsgebote setzen darauf, dass Geld im Fluss bleiben soll. Parallel dazu ist auch die dritte Säule des Islam zu sehen, die als sozial-religiöse Pflichtabgabe einen Anteil von 2,5% des stehenden Vermögens als zu leistende „Reinigung“ an Bedürftige abzugeben befiehlt. Hier geht es um Umverteilung im Sinne der Sicherung der Grundbedürfnisse jedes einzelnen Mitglieds der Gemeinschaft.
4. Zinsgeschäfte bringen durch den damit verbundenen Mechanismus des Kapitalhortens durch Banken mit sich, dass Geld im Umlauf fehlt. Die Reduzierung des Investitionsvolumens kann Arbeitslosigkeit verursachen, den Wettbewerb verfälschen, gesellschaftliche Spannungen verursachen. Staatverschuldung ist ein gewaltiges Problem nicht nur der dritten Welt. Ruin und Verelendung betreffen ganz Bevölkerungsgruppen.
5. Alternativen zum Zinsgeschäft wären durch Muslime weiterzuentwickeln und zu fördern. Die Nachfrage zeitigte bereits jetzt, dass westliche Banken islamische Geschäftszweige anbieten und dabei muslimische Experten beschäftigen.
6. Muslime in Europa werden als Konsumenten ein immer stärkerer Faktor. Der Markt reagiert zunehmend, etwa auf dem Lebensmittelsektor, wo Halalzertifizierung Bedürfnisse dieser Käuferschicht decken soll. Das islamische Reinheitsgütesiegel wäre europaweit in standardisierter Form zu verwenden und sollte nach einheitlichen Kriterien vergeben werden, um hier muslimischen Konsumenten Sicherheit zu gewähren.
1. Mann und Frau sind im Islam gleichwertige Partner, die gegenseitige Verantwortung tragen und gleich an Menschenwürde sind. Das Recht auf Lernen und Lehre, das Recht auf Arbeit, finanzielle Unabhängigkeit, aktives und passives Wahlrecht, Teilhabe im gesellschaftlichen Diskurs sind Pfeiler, die den Status absichern sollen. Chancengleichheit und mündige und freie Orientierung soll Frauen ermöglicht werden. Diese grundsätzlichen Aussagen der vorausgegangenen Konferenzen sollen im Folgenden weiter vertieft werden. Denn Frauenanliegen sind von gesamtgesellschaftlichem Interesse.
2. Daher soll jede Form von Verletzung von Frauenrechten kritisiert und bekämpft werden. Zwangsehe, FGM, Ehrenmorde und familiäre Gewalt haben keine Grundlage im Islam.
3. In der Außensicht manifestiert sich am Bild der Frau im Islam häufig die Einstellung gegenüber der Religion an sich. Begründet wird damit oft eine Position der Überlegenheit seitens der Mehrheitsgesellschaft. Mangelndes Wissen erschwert eine sachliche Auseinandersetzung. Werden Musliminnen vor allem als „Opfer“ wahrgenommen, so drängt sie dies in ein Rollenklischee. Sich daraus zu lösen gelingt paradoxerweise schwer, solange die Mehrheitsgesellschaft an der Vorstellung der „religiös gefesselten“ passiven muslimischen Frau festhält und Barrieren bereithält, will sie als sichtbar den Glauben praktizierende aktive Muslimin das Klischee brechen.
4. Hier sollen wir zu einer solidarischen Denkens- und Handlungsweise finden. Frauenfeindliche Strukturen haben verschiedene Ausformungen. Religions- und kulturübergreifendes Denken wendet sich gemeinsam gegen familiäre Gewalt und strukturelle Benachteiligungen von Frauen. Die Reflexion über traditionelle Rollenzuschreibungen und Stereotype kann diese überwinden und Vernetzung und Zusammenarbeit fördern.
5. Eine stärkere Differenzierung zwischen Religion und Tradition, die häufig Frauen benachteiligt und dem Islam zuwiderläuft, ist unabdingbar. Ansonsten besteht die Gefahr, dass die Religion pauschal verantwortlich für Missstände gemacht wird und man übersieht, welche theologischen Argumentationsschienen gerade aufklärend und derartige Traditionen überwindend angezeigt sind. Gleichzeitig wäre eine Verengung auf eine einzig religiöse Perspektive unzulässig. Denn die Lebenswirklichkeit von muslimischen Frauen in Europa ist geprägt von diversen Faktoren, die als solche analysiert werden müssen.
6. Der Ehrbegriff soll von Imamen analysiert und aus der Religion, im Gegensatz zu lokalen traditionellen und kulturbedingten Vorstellungen, begreiflich gemacht werden.
7. Die verstärkte Partizipation muslimischer Frauen bedarf durchdachter politischer Konzepte, die Ausgrenzungstendenzen und Diskriminierungen entgegen treten. Maßnahmen zur Mädchen- und Frauenförderung, die eine religiöse Grundhaltung anerkennen, wären ein solcher Schritt. Staatlich geförderte kultur- und religionssensible Beratungs- und Hilfseinrichtungen von und für muslimische Frauen bieten ein besonders niederschwelliges Angebot und setzen Impulse der Selbstermächtigung. Frauen sollen frei von Abhängigkeitsverhältnissen sein. Der ungehinderte Zugang zum Arbeitsmarkt ist dabei vordringlich. Unabhängigkeit ist stark an finanzielle Ungebundenheit und damit Beschäftigung gebunden, wobei die Politik ausgleichende und gerechte Vorkehrungen treffen kann, damit Väter und Ehemänner nicht vordringlich als Versorger betrachtet werden müssen.
8. Kopftuchverbote sind kontraproduktiv, da sie Frauen von wesentlichen Bereichen des Lebens ausschließen. Im Widerspruch zum Recht auf freie Religionsausübung grenzen sie islamisch gekleidete Frauen aus und bewirken damit in vielen Fällen genau jenen Rückzug, den sie zu bekämpfen vorgeben. Zusätzlich laden Verbote die Diskussion emotional weiter auf und festigen Klischees, indem sie ihre Begründung just aus der Argumentation beziehen, die Kopftuchträgerinnen mit ihrem sichtbaren Teilhaben an der Gesellschaft überwinden können: Das Kopftuch sei ein Symbol der Unterdrückung und des Zwangs, ein politisches Zeichen für eine extremistische Haltung und nicht konform mit europäischen Vorstellungen des Geschlechterverhältnisses. Die Bevormundung muslimischer Frauen, indem ein Teil der Glaubenspraxis von außen interpretiert und verurteilt wird, spricht ihnen ihre Mündigkeit ab und kann damit Polarisierungstendenzen verschärfen. Das Selbstbestimmungsrecht der Frau soll aber außer Frage stehen – nach innen wie nach außen.
9. Auch innerhalb der muslimischen Gemeinschaft besteht vermehrter Handlungsbedarf. Bewusstseinsbildung gegen jeden Missbrauch von Religion soll gefördert werden. Gleichzeitig bekennt sich die Konferenz dazu, dass auch im Bereich Ehe und Familie auf Herausforderungen der Moderne auf dem Boden der Theologie neue islamische Antworten gefunden werden sollen. Diese können auch in einem Wiederentdecken und neu nutzbar gemachtem Element wie dem islamischen Ehevertrag liegen. Dieser bietet dem Brautpaar die Möglichkeit die Zukunft gemeinsam zu überdenken und Vereinbarungen festzuhalten.
1. Jugendliche verkörpern als Zukunftsträger in besonderem Maße die Vision muslimischer Europäer - europäischer Muslime, die durch ihre als selbstverständlich wahrgenommene Identitätszugehörigkeit in beide Richtungen Brückenbauer und Bindeglieder zwischen den Kulturen sein können.
2. Die muslimische Jugend soll sich ihrer speziellen Verantwortung in dieser Richtung bewusst sein. Dazu muss ein entsprechendes, ihre besonderen Kompetenzen schätzendes Klima vorhanden sein, das Mehrsprachigkeit, rasche Anpassungsfähigkeit im interkulturellen Bereich und eine aufgeschlossene Grundhaltung als persönliche Werte erkennt und fördert. Die Aufgabe eine solche Wertschätzung zu vermitteln und daran angeknüpft Programme zur gezielten Förderung dieser Talente zu schaffen, liegt sowohl bei den muslimischen Familien und Gemeinschaften, als bei der Mehrheitsgesellschaft. Das Potential der muslimischen Jugendlichen soll anerkannt werden. Ihr Selbstbewusstsein ist zu stärken.
3. Vorurteile und latente Fremdenfeindlichkeit können zu Abschottung und Isolation führen, durch die wiederum eine ablehnende Einstellung gegenüber „den anderen“ gezüchtet werden kann. Dadurch können sich Polarisierungen aufbauen, die gesellschaftspolitischen Sprengstoff bieten. Diese präventiv anzugehen, bedarf es der im Bereich „Bildung“ angesprochenen Maßnahmen. Muslimische Jugendliche sollen gleiche Möglichkeiten nutzen können wie Jugendliche der Mehrheitsgesellschaft (Beispiel: Europäische Austauschprogramme in Schul- und Berufs/Studienbildung, unabhängig von Staatsbürgerschaft). Jugendliche brauchen eine Perspektive. Sie sollen die gleichen Chancen vorfinden, im Berufsleben Fuß zu fassen oder eine Wohnung zu finden.
4. Jugendliche Selbstorganisation von Muslimen und ihre Vernetzung mit anderen Jugendorganisationen soll darüber hinaus gefördert werden. Vereine jugendlicher Muslime weisen jene Merkmale auf, die bei jenen der ersten Generation noch nicht zu finden sind: die Landessprache als Kommunikationssprache, keine Einengung der Mitglieder auf ein bestimmtes Herkunftsland, ein auf die Lebenswirklichkeit im Lande verstärkt zugeschnittenes Angebot von Aktivitäten. Hier eine sinnvolle Freizeitgestaltung, emotionale Zugehörigkeit und Verantwortungsgefühl für ein funktionierendes Miteinander zu erfahren, gibt Halt. Damit werden indirekt auch Jugendkriminalität, Drogenkonsum und die Verbreitung von Extremismus wirksam bekämpft.
5. Die meinungsbildende Rolle der Medien ist besonders bei dem Bereich der Jugend anzusprechen. Die Wissenschaft soll sich verstärkt besonderen Phänomen, die die muslimische Jugend betreffen widmen und mit seriösen Ergebnissen helfen die Diskussion zu versachlichen.
1. Der Mensch trägt in seiner Funktion als Sachwalter der Schöpfung hohe Verantwortung für deren Pflege und Erhalt. Natürliche Ressourcen dürfen daher nur unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit sorgsam genutzt werden.
2. Der Koran warnt den Mensch vor Überheblichkeit in Ausübung seiner Statthalterschaft: „Siehe, Wir boten die Verantwortung („amana“ – die Ausübung von freiem Willen und Verstand) den Himmeln und der Erde und den Bergen an, doch weigerten sie sich, sie zu tragen und schreckten davor zurück. Der Mensch lud sie sich jedoch auf; denn er überschätzt sich und ist eingebildet.“ (33.72) Das natürliche Gleichgewicht der Natur soll geschützt und bewahrt werden. Denn so wie sich Wasser, Luft, Erde, belebte und unbelebte Natur, Tier- und Pflanzenreich aufeinander beziehen, wird im Koran ein Kreislauf des Lebens wiedergegeben, bei dem Eingriffe negative Auswirkungen für das gesamte System zur Folge haben könnten. Respekt vor dem Wunder der Schöpfung Gottes ist geboten, aus dem Respekt im Umgang mit dieser resultieren soll. Zur Tierwelt heißt es etwa: „Es gibt kein Getier auf Erden und keinen Vogel, der auf seinen zwei Schwingen dahinfliegt, die nicht Gemeinschaften wären so wie ihr.“ (6:38)
3. Die Balance zwischen Nutzbarmachung der Natur und ihrem Schutz schlägt sich häufig zu deren Ungunsten nieder. Umweltzerstörung als Konsequenz menschlicher Gier nach maximaler Ausbeutung wird in 20:41 angesprochen: „In Erscheinung getreten ist Unheil zu Land und Meer als Folge dessen, was die Menschen anrichteten, damit Er sie einiges von ihrem (Fehl)verhalten spüren ließe, auf dass sie umkehren.“ Muslime sind angehalten sich hier durch ihr persönliches Verhalten problembewusst zu zeigen und aktive Beiträge zum Umweltschutz zu leisten.
4. Um das Wasser kreisen besonders zahlreiche Aussagen. Sparsamkeit im Umgang wird empfohlen. Etwa ist es verpönt bei der Gebetswaschung unnötig Wasser rinnen zu lassen. Es bestehen Regelungen zum Gewässerschutz. Wasser wird als ein so wichtiges Gut betrachtet, dass ein Grundrecht des Menschen darauf besteht. Trinkwasser soll darum allgemein zugänglich sein, kann nicht zu einem Privateigentum mutieren. Im Bereich der frommen Stiftungen, die testamentarisch von Gläubigen verfügt werden, ist besonders das Schlagen eines Brunnens empfohlen, um für die Nachwelt eine andauernde gute Tat zu setzen.
5. Das Gebot des „Maßhaltens“ konkretisiert sich rund um das Thema der Nahrung. Verwirklicht werden soll der im Islam empfohlene „Weg der Mitte“, hier zwischen Genuss und Gesundheitsbewusstsein, zwischen Konsum und Bewusstheit für größere wirtschaftliche Zusammenhänge, die nicht zum Schaden der Umwelt, seien es Mitmenschen oder Natur gereichen dürfen. Diese Haltung lässt sich direkt beziehen auf die moderne Forderung nach mündigen Konsumenten, die mit ihren bewussten Kaufentscheidungen nach ethischen Standards („fair trade“) handeln.
6. Muslime sollen sich verstärkt des Themas „Umweltschutz“ annehmen und aktiv Vernetzungen mit Umweltexperten und zuständigen Abteilungen der Stadtverwaltung für spezifische Projekte eingehen.
7. Zu beleben sind islamische Traditionen wie die Stiftung für Fütterung und Aufnahme für obdachlose Tiere und die Tradition des Bäume Pflanzens als nachhaltige gute Tat.
8. Islamische Gebetsstätten sollen das ökologische Bewusstsein der Muslime widerspiegeln und mit ökologisch verträglichem Baumaterial gebaut zu Aushängeschildern dieser Einstellung werden.
9. Dezidiert zu betonen ist, dass Muslime die negativen Auswirkungen der Kriege und eingesetzter chemischer Waffen auf die gesamte Natur besorgt verfolgen und eine Dokumentation verlangen. Die Kriegsbetreiber sind zur Wiedergutmachung auch dieser Zerstörungen und ihrer Wirkungen auf den Menschen zu fordern.
Wien, am 8. April 2006
„Und so haben Wir euch zu einer Gemeinschaft der Mitte gemacht….“ (Koran 2:143)
Analyse der Ausgangssituation
„Die richtige Frage ist die Hälfte der Wissenschaft, die andere Hälfte ist das Vermögen zuzuhören.“ (Imam Ali)
Europäisches Selbstverständnis als „Vereint in Vielfalt“ zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Kaum ein Thema wird europaweit ähnlich intensiv diskutiert wie das Zusammenleben mit einer steigenden Zahl von Musliminnen und Muslimen. Aktuell leben ca. 54 Millionen Muslime in Europa, davon mehr als 40% in Russland und 16 Millionen in der EU. Häufig gerät dabei aus dem Blickfeld, dass es hier nicht um ein reines Zuwanderungsthema geht. Denn viele Millionen autochthone Muslime zeugen davon, dass der Islam seit Jahrhunderten ein lebendiger Bestandteil Europas ist und Spuren in den Kulturen und den Wissenschaften hinterlassen hat. Europa bekennt sich durch sein Motto „Vereint in Vielfalt“ zum Kulturpluralismus. Daher sollte eigentlich ein positiver Zugang zu Pluralismus gewährleistet sein. Je mehr jedoch Faktoren wie die Wirtschaftskrise und rapider gesellschaftlicher Wandel im Zuge der Globalisierung für Unsicherheit sorgen, steigt das Bedürfnis nach Halt in einer einheitlichen Identität.
Abgrenzung vom Islam als Mittel der Selbstdefinition wird zum Instrument des politischen Mainstream
Musste schon 2006 von den KonferenzteilnehmerInnen festgestellt werden, dass es „noch großer Anstrengungen bedürfe, um die Akzeptanz der Muslime in der Mehrheitsgesellschaft zu erreichen“, so hat sich daran nichts geändert. Vielmehr stellen die Delegierten mit Sorge fest, dass die damals beobachtete Tendenz populistischer Abgrenzung als Mittel ein „Wir-Gefühl“ zu erreichen, immer mehr zu einem Instrument auch des politischen Mainstream zu werden droht. Das Ergebnis des Referendums gegen Minarettbau in der Schweiz erscheint den Delegierten bedenklich, und es bereitet Sorge um Europa, wenn hier die muslimische Sichtbarkeit per Gesetz verhindert wird. Gerade in einer entwickelten Demokratie ist die Abstimmung über Minderheitenrechte nicht zulässig.
Wie nähern wir uns dem Thema? „Islamisierung“ hier, „Orientalisierung des Islams“ dort
Welches sind nun die Fragestellungen, die uns im Diskurs weiterbringen? Sind sie die gleichen, ob von der Mehrheitsbevölkerung oder von MuslimInnen gestellt? Schon die verwendeten Begriffe zeigen teils sehr verschiedene Gewichtungen. Ein Beispiel ist das Schlagwort „Islamisierung“, an dem auch zu beobachten ist, wie populistische Angstmache salonfähig wird. Subtil gibt der Begriff zu verstehen, dass alleine die Sichtbarkeit von MuslimInnen ein Angriff auf die Lebensweise der Mehrheitsgesellschaft sei. Während also hier Ängste vor dem drohenden Identitätsverlust seitens der Mehrheitsbevölkerung eingefangen werden, diskutieren MuslimInnen Tendenzen einer „Orientalisierung des Islams“. Dabei beobachten sie sowohl Stereotypisierungen in der Außensicht, die das „Fremdartige“ festschreiben wollen, wie innermuslimische romantisierende Strömungen. Diese können insofern sogar in einer Wechselbeziehung stehen, als gerade die ständige Vorhaltung des „anders-Seins“ und damit der Ausschluss zum Rückzug in eine idealisierte eigene Welt anregt.
MuslimInnen in Europa müssen ein eigenständiges und unabhängiges Profil entwickeln – Imame haben eine Schlüsselrolle
Den Islam zu praktizieren schließt den Respekt gegenüber Menschen anderer Religion oder Weltanschauung mit ein. Für MuslimInnen liegt also überhaupt kein Gedanke darin, anderen das Recht auf ihre individuellen Lebensformen abzusprechen. Ein tatsächlich zu erörternder Transformationsprozess richtet sich vielmehr an das eigene Selbstverständnis. Denn wie bereits in Graz 2003 und Wien 2006 herausgearbeitet, trägt der Islam den Charakter einer universalen Religion, die sich harmonisch unter verschiedenen örtlichen Gegebenheiten einfügt. Hier geht es darum, die Eigenständigkeit der europäischen Muslime auch gegenüber Staaten und Parteien der muslimischen Welt hervorzuheben, um dieses dynamische Selbstverständnis auch zu kultivieren. Diese Unabhängigkeit muss sich bis in die Wahl der diskutierten Themen fortsetzen, denn die Fragestellungen sind in Europa oft ganz andere als andernorts. Imamen und anderen muslimischen MultiplikatorInnen kommt hier eine ganz besondere Rolle und Verantwortung zu. Ihr Berufsbild bedarf einer auf die europäische Situation ausgerichteten Definition mit Konsequenzen, die auch in neue Ausbildungskonzepte reichen.
Institutionalisierung als Weg der Einbindung und die Sackgasse „Sicherheitspolitik“
Dazu ist ein weiterer Weg der Institutionalisierung unumgänglich. Wollen MuslimInnen sich in diesem Sinne einbringen, bedürfen sie einer entsprechenden, auch rechtlichen Verankerung in den europäischen Gesellschaften und Staatensystemen. Organisationsformen werden ebenso benötigt wie Fragen der Repräsentanz zu klären sind. In diesem Prozess betonen die Konferenzteilnehmer die Wichtigkeit, diese Integrationsfrage nicht unter dem Sicherheitsaspekt zu behandeln. Integration ist eine Querschnittmaterie, die in einem eigenen Ressort behandelt werden sollte. Die Ansiedlung der Integrationsabteilungen in Innenministerien führt immer wieder zu einer Optik, bei der selbst „weiche“ Maßnahmen letztlich in die Nähe von Sicherheitsmaßnahmen rücken. Damit kann psychologisch nicht das nötige Vertrauen aufgebaut werden. Jedenfalls soll vermieden werden, dass bereits im Entstehen von muslimischen Vertretungen der Staat in innere Angelegenheiten so eingreift, dass Personen ohne Akzeptanz der Basis, ja Personen, die sich erklärtermaßen vom Islam abgewandt haben, muslimische Anliegen vertreten. Das österreichische säkulare Kooperationsmodell, wo der Islam seit 1912 gesetzlich anerkannt ist, bietet dagegen eine solide Basis für Entwicklung nach innen wie nach außen und für einen institutionalisierten Dialog.
Die europäischen Prinzipien von Gleichberechtigung und Religionsfreiheit werden von einer „lex islam“ – Judikatur in Frage gestellt
Wie wichtig ein konstruktiver und sachlicher Umgang ist, zeigen drei heftig diskutierte Themen auf: Kopftuchverbote an Schulen in Frankreich und Deutschland, Verbote Minarette zu errichten und Gesetze gegen den Gesichtsschleier. Gleichzeitig vermitteln verschiedene Meinungsumfragen Ergebnisse, die von einem steigenden diffusen Unbehagen und Ängsten bis Ablehnung gegenüber muslimischen Minderheiten zeugen. So liegt der Rückschluss nahe, dass mit derartigen Maßnahmen vor allem auf einer emotionalen Ebene Signale in Richtung der Mehrheitsbevölkerung gesendet werden sollen, dass die „eigenen Werte“ gegen „dem Fremden“ verteidigt würden. Bei Muslimen verstärkt sich damit andererseits der Eindruck, hier werde in Punkto Religionsfreiheit mit zweierlei Maß gemessen. Verschiedene gesetzliche Bestimmungen, die eigens darauf abzielen, Räume religiösen Praktizierens einzugrenzen, die wiederum nur auf Muslime zugeschnitten sind, stellen das Prinzip der Gleichberechtigung in Frage. Hier droht eine subtile Untergrabung rechtsstaatlicher Prinzipien stattzufinden.
Das „Ausländerthema“ wird zum „Islamthema“
Besonders komplex wird die dahinterstehende Problematik durch bisher nicht zufriedenstellend verlaufene Integrationsprozesse, bzw. durch mangelnde Kommunikation von Erfolgsgeschichten. Hier zeichnet sich ab, dass das „Ausländerthema“ zunehmend zu einem „Islamthema“ wird. Soziale Ungleichheiten, Bildungsferne, die Konzentration in billigen Wohngegenden und fehlende Aufstiegsmöglichkeiten werden immer wieder auf einen angeblichen religiösen Aspekt reduziert. Zusätzlich problematisch erscheinen all jene Nachrichten aus Ländern der muslimischen Welt, die negative Einstellungen scheinbar noch begründen. Wer mittels selektiver Wahrnehmung danach trachtet, seine anti-islamischen Ressentiments bestätigt zu sehen, wird auch mangels „good news is good news“ fündig werden.
Bessere Vernetzung muslimischer Multiplikatoren und Implementierung gefasster Erkenntnisse
Dies verdeutlicht die große Dringlichkeit, dass sich religiöse Autoritäten und MultiplikatorInnen auf muslimischer Seite vernetzen und für eine klare Positionierung und auch Orientierung sorgen. So wie die vorausgehenden Imamekonferenzen Graz 2003 und Wien 2006 die Kompatibilität eines muslimischen Bewusstseins mit dem Bekenntnis zu den Werten von Demokratie, Pluralismus, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten theologisch herausarbeiteten und praktische Handlungsfelder aufzeigten, so soll hier nun angeknüpft werden. Dabei muss die kritische Frage gestellt werden, inwieweit die Implementierung der bisherigen Konferenzbeschlüsse gelingen konnte. So sehr es ermutigt, dass aus den Beschlüssen bei Fachtagungen und in der einschlägigen Literatur immer wieder zitiert wird, so sehr mangelt es im breiteren, vor allem medial geführten Diskurs an der Wiedergabe der Beschlüsse. Hier werden nach wie vor die gleichen Verdächtigungen wiederholt, dass der Islam per se eben nicht vereinbar mit Europa sei und damit ein schädliches Klima des Misstrauens verstärkt. Aber auch in Bezug auf die innermuslimische Rezeption besteht noch Bedarf an weiterer Verbreitung. Dabei geht es nicht in erster Linie darum, diese Beschlüsse erst verankern zu müssen, da sie verfasst wurden, um die Haltung und Einstellung des Mainstream theologisch begründet in die Öffentlichkeit zu tragen. Aber als Argumentationshilfe könnten sie noch viel stärker herangezogen werden und damit auch zur wichtigen mündlichen Tradierung und breiten Bewusstseinsbildung beitragen.
Wie kann ein europäisches „Wir-Gefühl“ unter Einschluss der Muslime erreicht werden?
Angesichts der Einsicht, dass zunehmend irrationalen Debatten schwer mit logischen Argumenten allein beizukommen ist, muss das Schwergewicht der Aktivitäten weiterhin auf einen Zugang des „Integration durch Partizipation“ gelegt werden. So wie die zunehmende Sichtbarkeit von Musliminnen und Muslimen in Europa Fragen auslöst, kann die positive Teilhabe in der Gesellschaft wohl deutlicher als manch theoretische Debatte aufzeigen, dass ein europäisches „Wir-Gefühl“ mit Einschluss der Muslime möglich ist und das Ziel sein sollte. „Role models“ sollten verstärkt in der breiteren Öffentlichkeit präsentiert werden. Muslime wollen nicht als Problem, sondern als Teil der Lösung moderner Herausforderungen wahrgenommen werden. Dazu ist ein stärkeres verantwortliches Engagement nötig. Dieses Handeln ist die wirkungsvollste Form von Dialog.
Bringschuld der Muslime und Holschuld der Mehrheitsgesellschaft
Umgekehrt ist dazu aber auch erforderlich, dass die Negativspirale ständiger Verdächtigungen und Unterstellungen durchbrochen wird. In diesem Klima drohen gemäßigten Kräfte guten Willens auf muslimischer Seite zu resignieren. Denn mehr als sich immer wieder zu deklarieren und im eigenen Leben dafür einzustehen, lässt sich nicht tun. Wenn aber die gleichen misstrauischen, längst beantworteten Fragen in Endlosschleife wiederholt werden, gehen diese klaren Statements unter. Die Delegierten fordern hier eine Trendumkehr und warnen eindringlich vor den negativen Konsequenzen dieser Stimmungsmache.
Alltagstaugliche Empfehlungen
Daher haben sich die Delegierten auf alltagstaugliche Empfehlungen konzentriert. Möglichst konkret sollen jene Bereiche angegangen werden, die besonders im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Um zu verdeutlichen, wie wichtig dabei eine kluge Formulierung der Ausgangsfragen ist, sind diese in den einzelnen Workshops wiedergegeben.
Damit soll ein stufenweises Voranschreiten von Konferenz zu Konferenz ermöglicht werden: Von der Standortbestimmung 2003 zu dem Aufzeigen von Handlungsfeldern 2006 zu einer Darlegung, wie und wo Muslime in Europa ihre Möglichkeiten konstruktiver Beiträge sehen.
Ergebnisse der Workshops
„Interreligiöser und interkultureller Dialog – Chancen und Herausforderungen“
Muslime in Europa stellen eine in sich diverse Gruppe dar. Diese Vielfalt unterschiedlicher kultureller Prägungen und muslimischer Richtungen bildet eine Verbindung hin zum Pluralismus, wie er sich auch in der Mehrheitsgesellschaft stellt. Vielfalt ist im Islam eindeutig positiv besetzt. Daher liegt der Gedanke nahe, dass ein fruchtbarer innermuslimischer Dialog gleichzeitig hilft, den interreligiösen und interkulturellen Dialog zu beleben. Doch bleibt es beim Lippenbekenntnis, kann Vielfalt nicht positiv in Erscheinung treten. Es bedarf der Bereitschaft, sich ein Stück in den anderen hineinzuversetzen. Dazu wiederum ist ehrliches Interesse und auch der Erwerb von Wissen notwendig.
Dialog darf nicht mit Proselytenmacherei verwechselt werden. Wäre die Absicht darin begründet, andere Menschen unbedingt von der eigenen Glaubenswahrheit überzeugen zu wollen, läge ein schwerwiegendes Missverständnis vor. Verständnis für den anderen zu entwickeln ist nicht zu verwechseln mit der Übernahme seines/ihres Standpunktes. Weil genau hier aber unterschwellig oft Ängste bestehen, entstehen Blockaden. Vielmehr dient Dialog dazu, Vertrauen zueinander aufzubauen und über das Erkennen von gemeinsamen Anliegen und Zielen auch gemeinsames Handeln und sich Einsetzen für das Allgemeinwohl zu ermöglichen. Der interreligiöse und interkulturelle Dialog hat unter Muslimen – gerade in Bezug auf die europäische Geschichte (Spanien, Sizilien) eine lange und positive Tradition. Auch aktuell sind viele Initiativen entstanden, die es verdienten, stärker ins allgemeine Bewusstsein zu treten, um zu Nachahmung anzuregen.
Die Delegierten der Konferenz kamen überein, in ihrer eigenen Arbeit folgende Schwerpunkte zu setzen:
Darüber hinaus sehen sie Bedarf in folgender Hinsicht:
Folgenden theologischen Fragen ist nachzugehen:
„Imame-Ausbildung und islamischer Religionsunterricht in Europa“
Imame und religiöse Gemeindebetreuerinnen sind in der muslimischen Gesellschaft Respektpersonen, deren Wort besonderes Gewicht genießt. Frauen wie Männer werden im türkisch-bosnischen Kulturkreis mit „Hodscha“ tituliert, worin ihre Rolle als Lehrer und Erzieher wiedergegeben wird. Diese Funktion, Orientierung zu geben und moralischen Beistand zu leisten, bedarf in der Minderheitensituation einer besonderen Ausformung. Die Konferenz von 2006 betonte daher die Bedeutung der Imame und religiösen Gemeindebetreuerinnen auf dem Weg zur Integration. Da Teilhabe an der Gesellschaft und das sich positive Einsetzen religiöse Gebote sind, müssen MultiplikatorInnen aus den religiösen Berufen hier mehr als bewusstseinsbildend agieren. Durch ihre Arbeit können sie für Vernetzung nach innen wie außen sorgen und gesellschaftliche Kohärenz fördern. Hier entwickeln sich neue Berufsfelder und entsprechend muss auch nach Wegen gesucht werden, wie exzellent ausgebildete Kräfte in einer parallel zu entstehenden Infrastruktur eingesetzt werden und dafür entsprechende Honorierung erfahren.
Menschen, die sich diesen neuen Herausforderungen stellen wollen, sind konfrontiert mit einer Situation, die Kompetenzen erfordert, wie sie in der traditionellen Ausbildung wenig bis gar nicht trainiert werden. Personen, die speziell in der religiösen Ausbildung der Kinder und Jugendlichen tätig sind, sind mit ähnlichen Fragestellungen konfrontiert. Denn zentral geht es immer um ein Mitwirken im Prozess, dass sich ein Identitätsgefühl unter Muslimen etabliert, in dem es selbstverständlich ist, sich als Muslime und Europäer zu begreifen und als Teil der Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen.
In der Konferenz betonten die TeilnehmerInnen folgende Punkte, die in Bezug auf ein Anforderungsprofil von Bedeutung sind:
In Bezug auf die Entwicklung einer notwendigen Infrastruktur von Bildungseinrichtungen und Gemeindezentren wurde diskutiert und folgendes festgehalten:
Folgende theologische Frage erscheint in diesem Zusammenhang von besonderer Relevanz:
„Muslimische Männer und Frauen in einer sich verändernden Gesellschaft“
Weibliche und männliche Rollenbilder verändern sich parallel zu sozialen, gesellschaftlichen und historischen Veränderungen. Nach islamischem Verständnis sind Frau und Mann aus der gleichen Wesenheit erschaffen (Koran 4:1), gleichermaßen mit Würde ausgestattet (Koran 17:70) und vor Gott gleichgestellt (Koran 49:13). Frau und Mann müssen jeweils individuell für ihre Taten einstehen. Es gilt das Prinzip der Partnerschaft und gegenseitiger Verantwortlichkeit, was ein gleiches an Möglichkeiten, Chancen und der Präsenz in den verschiedenen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens voraussetzt. (Koran 9:71). Gleichermaßen sind Frau und Mann aufgerufen, sich für das Gute einzusetzen und nach Gerechtigkeit zu streben, wie ihnen auch von Allah (t) gleichermaßen der Lohn dafür gegeben wird. Das Selbstbestimmungsrecht im Sinne des Ermöglichens eigener mündiger Entscheidungen soll für Frau wie Mann gleichermaßen gelten.
Die vorherigen Konferenzen betonten bereits diese grundsätzliche Einstellung der Gleichwertigkeit der Geschlechter und betonten, dass die Frau darin zu unterstützen sei, den ihr gemäßen Platz in der Gesellschaft einzunehmen. Jegliche Formen von Gewalt gegen Frauen müssen durch islamische Argumente bekämpft werden. Die Gesellschaft darf sich nicht der Hälfte ihres Potentials berauben, indem Frauen von Partizipationsmöglichkeiten abgeschnitten wären.
Die Konferenz hält folgende Anstrengungen für wichtig:
Außerdem beurteilt die Konferenz folgendes als entscheidend für eine positive Entwicklung:
Folgenden Fragen soll auch theologisch nachgegangen werden:
Muslimische Jugend in Europa – Perspektiven und Herausforderungen“
Dem Lebensabschnitt der Jugend kommt aus islamischer Perspektive eine ganz besondere Bedeutung zu. Muslime sollen sich vergegenwärtigen, dass wir gerade über die Jugend und welchen Nutzen wir aus ihr ziehen konnten, im Jenseits befragt werden. Das Beispiel des Propheten Muhammad (ass.) zeigt auf, dass er junge Menschen gezielt in ihrer Entwicklung förderte, sie speziell ausbildete, ihnen viel Vertrauen entgegenbrachte und vor allem mit größter Wertschätzung behandelte. Davon sind wir heute weit entfernt. So wie jungen Menschen Respekt gegenüber den Älteren abverlangt wird, sollen auch die Potentiale der Jungen voll anerkannt und eingebracht werden.
In der Außensicht begegnen muslimische Jugendliche häufig negativen Assoziationen. Sie gelten pauschal als zugehörig zu sozial schwachen Gruppen, bildungsfern und potentiell gefährdet, in die Radikalität abzudriften. Diskriminierungserfahrungen gepaart mit schwierigen Zukunftsperspektiven, verursacht durch mangelnden Anschluss an den Arbeitsmarkt oder Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs, führen tatsächlich häufig zu Frustration, die auch in Aggression umschlagen kann. Viel zu wenig wird die Kompetenz der muslimischen Jugend erkannt, sich gleichzeitig in verschiedenen kulturellen Milieus bewegen zu können und damit als Brückenbauer zu fungieren. Stattdessen wird ihnen vor allem „innere Zerrissenheit“ attestiert.
Die Delegierten machen es sich daher zur Aufgabe in Predigten, wie in der seelsorgerischen Arbeit folgende Aspekte herauszuarbeiten:
Zudem weisen die Delegierten auf folgende wichtige Handlungsfelder hin:
Theologisch erscheinen folgende Fragestellungen von besonderer Dringlichkeit:
„Impulse islamischer Wirtschaftsethik“
Handel bringt Wandel. 20% der Weltbevölkerung (1.6 Mrd.) haben den Islam als Lebenskonzept gewählt, in Europa je nach Betrachtung bis zu 54 Millionen, davon in Russland ca. 25 Mio. Das globale Vermögen der Muslime wird auf ca. 2.5 Bill. USD angesetzt, wobei die Tendenz als auf 4 Bill. USD bis 2015 steigend eingeschätzt wird.
Zu den Grundlagen islamischer Ökonomie wurde festgestellt:
Wirtschaftliches Handeln basiert auf den folgenden Prinzipien:
Als Determinanten der islamischen Ökonomie werden definiert:
Empfehlungen:
Eine Frage, der theologisch nachgegangen werden sollte:
Wo liegt die Grenze zwischen Mechanismen des internationalen Finanzmarktes, die sich mit islamischen Prinzipien vereinbaren lassen und solchen, die unvereinbar sind?
„Umweltschutz als Verantwortung für die Schöpfung"
Umweltschutz ist für Muslime nicht nur ein Gebot der Stunde aufgrund der aktuellen dramatischen Situation des Planeten, sondern war stets ein Auftrag unseres Propheten Muhammad (ass.). Er ist Vorbild für einen nachhaltigen, schonenden und gerechten Umgang mit der Umwelt. Dies zeigt sich durch eine Vielzahl seiner überlieferten Aussprüche zum Thema Schöpfungsverantwortung und Ressourcenschonung (z.B. Hadith: "Wenn das Ende der Weltzeit einen überrascht und man einen Setzling in der Hand hielte mit der Absicht ihn zu pflanzen, dann soll man sich nicht abhalten lassen, dies doch zu tun."), und durch seinen bescheidenen Lebenswandel.
Muslime müssen aus spirituell begründetem Umweltverständnis und in Wahrnehmung ihrer religiösen Pflicht zur Wahrung der ihnen von Allah anvertrauten Schöpfung ihre Stimmen für Klimagerechtigkeit und Umweltschutz erheben und erkennen, dass es eine Vielfalt religiöser Gründe gibt, aktiv gegen Umweltzerstörung anzukämpfen.
Im Koran mahnt Allah an vielen Stellen die Menschen zu sorgfältigem und maßvollem Umgang mit den Ressourcen. So heißt es in Sure 7, Vers 31: "Und esst und trinkt, und seid nicht verschwenderisch, denn Er liebt die Verschwender nicht." Und auch in der prophetischen Tradition finden sich viele Aussagen, die sich auf einen vernünftigen Umgang mit der Natur beziehen: "Es gibt keinen Muslim, der einen Baum pflanzt oder Land kultiviert, wovon dann Vogel, Mensch oder Tier sich ernährt, ohne dass ihm dies als ein Akt der Barmherzigkeit angerechnet wird", so ein Ausspruch des Propheten (ass.).
Folgende Punkte geben Orientierung für einen umweltethischen Handlungsrahmen:
Aufgabenfelder für die Zukunft:
„Das Phänomen Gewalt – Prävention und Überwindung“
Obwohl Kulturen und Religionen Gewalt als Lösungsmodell ächten, müssen wir uns mit dem Phänomen als in der Wirklichkeit nur allzu real vorhanden auseinandersetzen. Hierbei genügt es nicht, nur klare und eindeutige Verurteilungen vorzunehmen, sondern muss Prävention als der beste Weg erkannt und eigesetzt werden, um Gewalt möglichst im Keim zu ersticken.
Dabei ist jeder Angriff auf die Menschenwürde, den Körper oder die Psyche eines Individuums als Gewalt zu bezeichnen. Gewalt kann sich auf unterster Ebene verbal äußern, um die Übermacht über einen anderen zu erlangen und bis zur groben Übertretung bestehender Gesetze reichen. Gewalt hat viele Facetten. Sie reichen von der Familie in die Gesellschaft bis in die Zwischenstaatlichkeit. Oft mangelt es an Einsicht, wann der friedliche Weg von Konfliktlösung oder Meinungsverschiedenheiten verlassen wird und mit Gewalt operiert wird. Hier muss ein besseres Sensorium entwickelt werden, um frühzeitig mäßigend eingreifen zu können.
Daher streben die Delegierten die Förderung folgender Maßnahmen an, die sie Kraft ihrer speziellen Möglichkeiten propagieren werden:
Allgemein sind folgende Punkte zu berücksichtigen:
„Zukunftsperspektiven der MuslimInnen in Europa“
MuslimInnen in Europa sind ein integraler Bestandteil der Bevölkerung. Mehrheitlich sind sie bereits europäische StaatsbürgerInnen. Das „Gastarbeiterimage“ trifft nicht mehr auf sie zu. Die zweite und dritte Generation bringt in diesen Prozess zusätzliche Dynamik. Daneben sind autochthone Muslime von jeher in Europa beheimatet.
Der Islam hat einen spezifischen Platz im europäischen Gedächtnis. Seine Wahrnehmung ist allerdings eine konfliktgeladene, die vor allem die bewaffneten Auseinandersetzungen im Gedächtnis behält. Der Islam, ob nun in Gestalt von Arabern, Osmanen, Tartaren oder Türken, wird darin als der gefährlichste und dauerhafteste Feind Europas empfunden, als Europas Antithese und Negation. Diese Abgrenzung funktionierte über Jahrhunderte auch als Selbstdefinition. Aus diesem Grund wird die Geschichte Europas oft als eine christliche, in den besten Fällen als eine christlich-jüdisch dargestellt.
Die Delegierten der Konferenz kamen überein, in ihrer eigenen Arbeit folgende Schwerpunkte zu setzen:
Zudem weisen die Delegierten auf folgende wichtige Handlungsfelder hin:
Die Konferenz dankt allen Unterstützern, insbesondere dem Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten, der Stadt Wien, dem Zukunftsfonds der Republik Österreich und der Europäischen Islamischen Konferenz.