04.Juni 2019

Offener Brief an den Bundespräsidenten

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

zunächst darf ich Ihnen als ein Bürger dieses Landes für Ihre umsichtige und besonnene Haltung in diesen doch schweren Zeiten, die unser Land durchmaßen muss, danken. Ähnlich wie Sie bin auch ich der Meinung, dass unser Land besser ist, als es gewisse Polit-Skandale vermuten lassen. Daher habe ich mir nicht etwa als Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) die Freiheit genommen Ihnen zu schreiben, sondern als ein besorgter, muslimischer Bürger dieses Landes.

Das Kopftuchverbot für Volksschulen liegt Ihnen zur Unterfertigung vor. Meine Bitte an Sie: Unterzeichnen Sie dieses diskriminierende und kriminalisierende Gesetz nicht. Denn es soll und wird einzig und allein muslimische Mädchen betreffen, so sind ja etwa die Kippas jüdischer Burschen und Patkas junger Sikhs ausgenommen. Damit ist dieses Gesetz weder verfassungskonform, da es eine Religion und ihre religiöse Glaubenspraxis benachteiligt, noch ist es im Sinne unserer verbrieften Rechte auf Kultusfreiheit, die noch aus einer Zeit stammen als die Habsburger-Monarchen noch an der Macht waren. Der Islam war und ist ein integraler Bestandteil Österreichs.

Sie sagten einst: „Es ist das Recht der Frau, sich zu kleiden, wie auch immer sie möchte.“ Dem können österreichische Muslimlnnen nur beipflichten. Wenn ein muslimisches Mädchen ein Kopftuch anlegen will, aus freien Stücken, weil sie es etwa bei ihrer Mutter oder Schwester gesehen hat, dann ist das doch kein bösartiger oder gar krimineller Akt. Daher bitte ich Sie, auch im Namen der muslimischen Menschen im Lande dieses offenkundig, verfassungswidrige Gesetz nicht zu unterzeichnen.

Mit der neuen Regierung, die Sie angelobt haben, sind wir der Meinung und böten uns an, in einem neuen Hearing unter Einbindung muslimischer Eltern und der Islamischen Glaubensgemeinschaft einen Weg ohne Verbote und Strafen zu finden und dennoch für die wenigen Fälle, in denen das Kindeswohl gefährdet sein könnte, eine Lösung mittels Aufklärung und individueller Betreuung zu ermöglichen.

Sie sprachen in den vergangenen Wochen von der Eleganz unserer Bundesverfassung. Daher nehme ich mir abschließend die Freiheit eine besonders elegante und kluge Passage aus Ihr zu zitieren:

„Alle Staatsbürger sind vor dem Gesetz gleich. Vorrechte der Geburt, des Geschlechtes, des Standes, der Klasse und des Bekenntnisses sind ausgeschlossen.“ (Artikel 7,1)

In diesem Sinne bewahren Sie uns bitte vor einer offenkundigen Ungleichbehandlung.

Hochachtungsvoll


Mag. Ümit Vural
Präsident der IGGÖ

Offener Brief 
 

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