23.Mai 2019

Die Rede des Präsidenten Ümit Vural (Interreligiöses Iftar-Essen)

Sehr geehrte Exzellenzen,
sehr geehrter Herr Bürgermeister Ludwig,
sehr geehrte Würdenträger der Kirchen und Religionsgemeinschaften,
sehr geehrte Nationalratsabgeordnete,
sehr geehrter Landtagsabgeordneter,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde und Geschwister im Glauben!

Es ist mir heute eine besondere Freude, gemeinsam mit Ihnen das Fasten brechen zu dürfen. Es ist mein erster Ramadan als Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft und ich habe mir vorgenommen, die Verbundenheit mit der muslimischen Basis zu stärken.

Und das tue ich. Jeden Abend eine andere Moschee, nach jedem Gebet Dutzende Gespräche mit meinen muslimischen Geschwistern. Und trotz Ramadan, dem Monat des Sich Besinnens, sind die Menschen wütend. Sie sind wütend, dass Gesetz für Gesetz unsere Freiräume, unsere Bürgerrechte, unsere Lebensqualität weniger und weniger werden.

Ich bin auch wütend. Auch ich bin zuallererst ein muslimischer Bürger dieses Landes. Ein Vater und ein Ehemann. Haben wir kein Anrecht auf Würde? Auf beruflichen Erfolg? Auf Menschlichkeit? Wieso sollen sich Musliminnen und Muslime dieses Landes als Bürger zweiter oder gar dritter Klasse fühlen müssen? Wo bleibt da der Aufschrei der Anständigen?

Und wenn das letzte Kopftuch verbannt worden ist? Glauben wir wirklich, dass damit der Hass und die Hetze gegen Musliminnen und Muslime beseitigt wäre. Das ist ja grotesk!

Wir wissen, dass die Quelle des Hasses nicht das Kopftuch oder das Fasten der Musliminnen und Muslime ist. Es ist und bleibt der grassierende Rassismus im Land!

Ja, wir sind gegen Kopftuchverbote. Wir sind gegen Zwänge und Verbote. Das Kopftuch ist nichts Böses, sondern Teil unserer Glaubenspraxis. Auf dem Rücken von Mädchen und Frauen rassistische Politik zu machen, ist nur eines: Destruktiv und desintegrativ!

Aber Wut ist nicht genug. Wütend sein, ist einfach. Aber die berechtigte Wut als Antrieb zu entdecken, um neue, positive Kräfte freizusetzen, noch mehr zu arbeiten, noch mehr Einsatz zu zeigen. Das ist der islamische Weg, meine Damen und Herren!

Die Islamische Glaubensgemeinschaft ist mehr als eine Interessenvertretung. Mehr als eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Sie ist ein Stachel im Fleisch jener Kräfte, die auf Musliminnen und Muslime schimpfen, um die eigentlichen Probleme im Land kaschieren zu können. Sie ist das existierende Vorzeigebeispiel dafür, dass ihre falschen Geschichten über uns Musliminnen und Muslime hier in Österreich nicht stimmen.

Auf Wut, muss Mut folgen. Mut, damit alle demokratischen Kräfte des Landes zusammenkommen. Nicht weil sie in allen Punkten übereinstimmen, aber sehr wohl im wichtigsten: Wir sind Demokraten. Wir glauben an die liberale Rechtsordnung unseres Staates und wir sind einfach besser, als es gewisse Videos von Politikern, ahnen lassen.

Aber wir dürfen nicht nur behaupten, besser zu sein, als es Polit-Skandale und Brachial-Populismus vermuten lassen. Wir müssen den Beweis antreten. Wieso nicht schon heute? Denn wenn ich hier in den Saal blicke, sehe ich viele engagierte und mutige Menschen. Aus Politik, Zivilgesellschaft, der Wissenschaft, aber natürlich auch der Religion.

Ich wünsche mir, dass wir einander – da wir allesamt aus den richtigen Gründen für unser Land einstehen wollen – besser kennenlernen, einander mehr vertrauen und uns besser vernetzen. Nehmen Sie das heutige Iftar-Essen bitte zum Anlass, um ins Gespräch zu kommen, Gemeinsamkeiten zu suchen und unserem Land, unserer Gesellschaft und der Menschheit über den heutigen Abend hinaus einen Dienst zu erweisen.

Es kommt auf jeden Einzelnen an. Jedes Projekt, jede Idee und sogar auf jede Rede. Denn auch die weiteste Reise beginnt bekanntermaßen mit dem ersten, kleinen Schritt.

Und so will ich heute Mut machen und jenen Mut zusprechen, die – so Gott will – dieses Land in ein besseres Morgen überführen werden. Ich sehe etwa die Nationalratsabgeordnete Martha Bissmann unter uns. Sie hat eine flammende Rede im Nationalrat gegen das Kopftuchverbot gehalten.

Ich sehe Muhammed Yüksek unter uns, der aus seiner Wut über das rassistische Ali-Video, Mut gefunden hat, die Ali-Puppe zu kreieren und damit der berechtigten Empörung der Musliminnen und Muslime im Land einen Namen und ein Symbol zu geben.

Ich sehe den Bürgermeister der Stadt Wien, Herrn Ludwig, direkt vor mir sitzen, der auch in Zeiten der Angstmache durch anti-muslimische Hetzer an der Tradition des gemeinsamen Fastenbrechens im Rathaus festgehalten hat.

Meine Damen und Herren, dies sind nur einige Namen, die mir jetzt spontan einfallen. Doch ich weiß, dass hier und über diesen Raum hinaus noch weitere Heldinnen und Helden des Alltags sind oder in ihnen zumindest ein Held, eine Heldin schlummert.

Ich will ihnen allen einfach nur sagen: Danke. Danke für ihren Mut. Danke dafür, dass sie unseren Glauben an ein besseres, friedvolles Morgen nähren!

Keine Sorge, ich komme zu einem Ende. Der Ramadan ist mehr als das Fasten. Und Fasten ist mehr als nur keine Nahrung, kein Wasser zu sich nehmen. Wir Musliminnen und Muslime stärken uns durch das Fasten. Wir Musliminnen und Muslime besinnen uns auf das wichtige im Leben durch das Fasten. Wir erneuern uns im Ramadan durch das Fasten.

In diesem Sinne danke ich Ihnen für ihre Geduld, ich danke Ihnen, dass Sie uns die Ehre erwiesen haben und wünsche uns weiterhin einen besinnlichen Ramadan.

Video (Ümit Vural) 

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Sonntag, 21.07.2019
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