15.Juni 2018

Die Forderung eines Fastenverbots für Schulpflichtige wird aufs Schärfste zurückgewiesen

Der Monat Ramadan beinhaltet viel mehr als eine Enthaltung von Essen und Trinken – er fördert eine Ethik des sozialen Zusammenhalts und der Empathie. Jedem Politiker, der in Bezug auf den Ramadan Verbote erlassen will, muss bewusst sein, dass er damit auch diese Werte angreift, indem er die Fastenpraxis der Muslime an sich völlig undifferenziert in ein schlechtes Licht stellt.

Wenn  Herr Nehammer von der ÖVP meint, über den Trick das „Kindeswohl“ angeblich schützen zu wollen, einer Diskussion zum Thema „Einschränkung der Religionsfreiheit“ aus dem Weg gehen zu können, so wird ihr das nicht gelingen. Zu offensichtlich ist, dass es hier nicht um das Kindeswohl geht. Vielmehr möchte man Ressentiments gegen den Islam und Musliminnen und Muslime bedienen – die man zuvor selbst noch beständig angefacht hatte. Längst hat die Verbotspolitik den Charakter des rein Symbolhaften verloren. Zu tiefgreifend ist, wie hier Muslime ständig vor den Kopf gestoßen werden und man sie bewusst zu demütigen sucht. Dies führt zu einer gefährlichen Entfremdung in der Gesellschaft. Vor allem Kinder und Jugendliche bekommen diese Feindbildpolitik zu spüren. Bei ihnen besteht die Gefahr, dass sie sich bewusst von der hiesigen Gesellschaft abwenden oder noch schlimmer empfänglich werden für radikales Gedankengut.

Sprechen wir vom Ramadan, so geht es hier um eine Säule der Religion. Kinder sind selbstverständlich aus zwei Gründen vom Fastengebot ausgenommen: Sie sind körperlich im Wachstum und noch nicht religionsmündig. Freilich erleben sie die besondere Stimmung des Ramadan intensiv mit. Es gibt auch viele Kinder, die in verschiedenen Formen Anteil am Fastenmonat nehmen. Das heißt nicht, dass sie wie Erwachsene mitfasten. Aber sie probieren mitunter einen halben Tag zu fasten, machen ein „Süßigkeitenfasten tagsüber“ oder enthalten sich bewusst schlechter Rede. In Einzelfällen mag es auch dazu kommen, dass ein Kind, meist an der Grenze zur Pubertät, schon den ganzen Tag fasten möchte. Es ist Sache der Erziehungsberechtigten dies verantwortungsvoll zu begleiten. Vor allem signalisieren sie: „Du müsstest noch nicht fasten“ und achten auch auf die Gesundheit des Kindes. Über Generationen hat sich ein reicher Erfahrungsschatz gebildet, wie man pädagogisch angemessen mit dem Thema umgeht. Über den Religionsunterricht können wir zusätzlich einen vernünftigen Umgang fördern und Wissen – etwa auch über Ausnahmen vom Fasten - verbreiten. Nicht zuletzt ist der Ramadan für junge Erwachsene auch eine Chance, die eigene Mündigkeit zu erfahren und zu reflektieren.

In der Kinderrechtskonvention von 1992 ist insbesondere in Artikel 4 festgehalten, dass die freie Meinungsäußerung des Kindes zu respektieren sei. Dazu gehört auch, die spirituellen und religiösen Bedürfnisse eines Kindes zu achten. Es ist ein Trugschluss annehmen zu wollen, ein Kind, das faste, könne nur dazu gezwungen sein und wäre daher davon zu „befreien“. Ganz im Gegenteil sind wir gerade nach dem heurigen Ramadan zutiefst betroffen davon, wie viele Schilderungen entsetzter Eltern über klares pädagogisches Fehlverhalten an uns herangetragen wurden. Darunter sind Schilderungen, dass ihre Kinder in der Schule auf erniedrigende Weise gezwungen wurden, Wasser zu trinken oder Nahrung zu sich zu nehmen – ohne dass diese Anzeichen körperlicher Schwäche gezeigt hätten. Essenszwang ist ein tiefer Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht. Das sind geradezu traumatische Erfahrungen, die im Widerspruch zu jedem Kinderrechtsverständnis stehen.

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Montag, 24.09.2018
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