21.Dezember 2017

Kriterienkatalog für Moscheen und Imame setzt neue Maßstäbe

Mit dem „Kriterienkatalog für Moscheen und Imame“ leitet die IGGÖ einen Prozess der Qualitätssicherung für die religiöse Infrastruktur ein. Seit Mai 2015 wurden unter Projektleitung des Vizepräsidenten der IGGÖ Esad Memic mehrere Arbeitssitzungen abgehalten und somit Merkmale herausgestellt, die klar vermitteln, was eine gute Moschee auszeichnen soll.

Der Kriterienkatalog stellt damit eine logische Fortführung dessen dar, was in den Imamekonferenzen bereits an Grundlagen geschaffen wurde. Hier geht es also um eine weitere Implementierung der dort formulierten Grundsätze und damit einen Weg. Moscheen als soziale Knotenpunkte innerhalb einer Stadtteilstruktur nach dem Motto „Integration durch Partizipation“ erfahrbar zu machen.


Moscheen als soziale Knotenpunkte – Integration durch Partizipation

Gerade Moscheen sind herausgefordert, einen wichtigen Beitrag für ein stärkeres Wir-Gefühl in der Gesellschaft zu leisten. Dies geschieht auch, wird aber häufig wenig wahrgenommen, was auch damit zusammenhängen mag, dass Moscheen noch wenig aktiv selbst die Öffentlichkeit suchen. So sollen die Moscheen durch den Kriterienkatalog und die daran anknüpfenden Maßnahmen auch darin gefördert werden, eine stärkere Rolle innerhalb des Gemeinwesens zu spielen.  Unbestritten haben Moscheen sowohl bei der Ankunft von  Flüchtlingen - etwa bei den großen Migrationsbewegungen 2015 - ihren relevanten Beitrag geleistet, als sich auch höchst aktiv in der Prävention von Extremismus und Radikalisierung gezeigt und hier sehr effiziente Arbeit geleistet. Nach außen sichtbar wurde dieses Engagement bei der Deklaration der Imame gegen Extremismus, Gewalt und Terror vom Juni 2017.

Das Augenmerk im Kriterienkatalog richtet sich auf sechs Bereiche, die für die qualitätsvolle Arbeit von Moscheen wesentlich sind: Leitlinien, Leitung und Begleitung, Fachpersonal, Aktivitäten, Sprache und die baulichen Gegebenheiten (Architektur).


Stärkung einer Identität als muslimisch und zugleich österreichisch/europäisch

Indem die bekannte Linie der IGGÖ im Kriterienkatalog einmal mehr hervorgehoben wird, können sich auch die Moscheen auf diesem Boden eindeutig verorten und nach außen transparent machen, dass es vereinbar ist, sich gleichzeitig als Muslim/in und als Österreicher/in zu begreifen und selbstverständlich hinter Werten wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Pluralismus und Menschenrechten zu stehen. Zu den Leitlinien gehören auch die klare Ablehnung jeglicher Gewalt, von Feindbilddenken, Rassismus und Antisemitismus


Empfehlungen: Kommunikationsfähigkeit, Orientierung an der Lebenswirklichkeit

Empfehlungen gibt es in Bezug auf die erforderlichen Kompetenzen aller in der Moschee engagierten Personen. Genannt werden insbesondere gewünschte sprachliche Kompetenzen (B2 Niveau oder mehr bei der Leitung) und allgemeine Dialogfähigkeit. Hier geht es nicht nur um eine Kommunikationsfähigkeit nach innen, sondern auch um die Vernetzung nach außen. Darum werden auch interkulturelle und interreligiöse Kompetenzen immer wieder betont.

Damit in Zusammenhang steht, dass Verantwortungsträger an der österreichischen Lebenswirklichkeit ansetzen müssen. Von ihnen wird die Berücksichtigung des konkreten Kontextes hier und heute erwartet, um bei lebenspraktischen und seelsorgerischen Fragen Orientierung geben zu können. Dies gilt insbesondere für Imame, die damit dem islamischen Selbstverständnis einer dynamischen Religionsauslegung nachkommen. Denn wie sich Zeit, Ort und gesellschaftliche Rahmenbedingungen ändern, so ändern sich die Fragestellungen und braucht es auch neue Antworten.


Zusammenarbeit von Männern und Frauen – Qualitätsvolle Jugendarbeit - Aktivitäten

In der Zusammensetzung der Vorstände von Moscheen soll die Zusammenarbeit von Frauen und Männern gestärkt werden und auch die junge Generation Mitsprache besitzen. Den Themen Geschlechtergerechtigkeit und Einbeziehung der Jugend, sowie einer kindgerechten und pädagogisch wertvollen Kinder- und Jugendarbeit gilt ein verstärktes Augenmerk.

Aktivitäten sollen nach Möglichkeit nicht nur das „klassische“ Angebot beinhalten (Verrichtung der rituellen Gebete, Freitagspredigt, Seelsorge, religiöse Weiterbildung wie Koranlesen etc.), sondern zur allgemeinen Weiterbildung und sinnvollen Freizeitgestaltung beitragen (Deutschkurse, Vorträge nicht nur zu religiösen Themen, künstlerische und sportliche Angebote) und sich dabei in die Gesellschaft öffnen. Vor allem sei auch darauf Wert zu legen, dass die Moschee Angebote für Nichtmitglieder, also insbesondere das nähere Wohnumfeld schafft (Tage der Offenen Tür, interreligiöse Veranstaltungen, gemeinsames Essen zur Zeit des Fastenbrechens im Ramadan) und damit dazu beiträgt, dass die Moschee ein lebendiger und am Allgemeinwohl partizipierender Teil im sozialen Gefüge eines Stadtteils ist und als solcher wahrgenommen wird.


Freitagspredigten – Zusammenfassungen auf Deutsch werden angeregt

Bei Freitagspredigten soll auf die Bedürfnisse von Muslimen der zweiten und dritten Generation Rücksicht genommen werden, die oft besser Deutsch als die Sprache der Eltern oder Großeltern beherrschen. Auch der lebendige Austausch von Muslimen unterschiedlichen ethnischen Hintergrunds wird gefördert, wenn Deutsch als gemeinsame Kommunikationssprache in der Moschee Verwendung findet. Bewährt hat sich zumindest das Angebot die wesentlichen Inhalte auf Deutsch zusammenzufassen.


Maßnahmen: Evaluation, Imamedekrete, Fortbildungen, Imamekonferenzen

Als konkret zu treffende Maßnahmen geht  es zunächst um eine gründliche Evaluierung des bestehenden Angebots. Darauf aufbauend können best practice Modelle vorgestellt werden und diese Moscheeeinrichtungen motivierende Impulse für die Entwicklung der Moscheeeinrichtungen insgesamt setzen. Die erfolgreichen Imamekonferenzen (von 2003, 2005, 2006 und 2010) sollen zur Stärkung des innermuslimischen Diskurses und weiteren Entwicklung auf dem Weg von „Islam in Europa“ eine Fortsetzung finden. Zur Vernetzung der Moscheen und den fruchtbaren Gedankenaustausch sollen darüber hinaus regelmäßige Treffen für Moscheeleitungen organisiert werden. Schließlich geht es auch um eine ständige Fortbildung der Leitungsorgane. Hier gilt es nicht nur fachliches know how zu vermitteln, sondern auch Formate zu schaffen, die der Selbstreflexion und dem Erfahrungsaustausch dienen und somit die muslimischen Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in ihrer Rolle als Orientierungsgeber unterstützen.

Als nächster Schritt wird eine Zertifizierung von Moscheen durch die IGGÖ  angedacht. Für Imame sollen „Imamedekrete“ geschaffen werden.


Kriterienkatalog (Download)

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