19.November 2012

Bruder, wo seid ihr?

 

10….15 Minuten später, als wir uns von den Gefängniswächtern verabschieden und unsere Ausweise abholen, komme ich wieder zu mir.

 

Im Auto tauschen wir uns unter Freunden aus, traurig und im Bewusstsein der Verantwortung, die wir tragen.Ich bin still. Meine Gedanken sind noch bei meinem Bruder, den ich noch vor Kurzem fest umarmt habe, und bei den anderen Inhaftierten… Ich muss wiederkommen, wir müssen wiederkommen, wir müssen sie öfter besuchen.Zaman Österreich hat sich – dank einer Aktion des IRG-Wien – mit türkischen und muslimischen Jugendlichen im Gefängnis getroffen. Da das Fotografieren der Inhaftierten und die Weitergabe einiger Informationen verboten sind, kann ich leider nicht alle Details der Aktion wiedergeben. Die Aktion des IRG-Wiens, an der wir als Zaman Österreich teilnehmen konnten, dauerte vier Stunden. In den vier Stunden fand ein Fußballturnier statt und es wurden Kleidungsstücke, Bücher und Lebensmittel verteilt. Die Liebe, die die inhaftierten Jugendlichen am Ende der Begegnung zeigten, war bemerkenswert.
Auf Initiative der IRG-Wien kamen freiwillige, ehrenamtlich tätige Personen mit inhaftierten türkischen und muslimischen Jugendlichen zusammen. Die freiwilligen, ehrenamtlich tätigen Personen des IRG-Wien sowie einige Fußballer der Nationalmannschaft boten den Jugendlichen religiöse und soziale Hilfe an. An der Aktion nahmen die Anstaltsleiterin Dr. Margitta Neuberger-Essenther, die Justizwachbeamten Michael Heiling und Norbert Sigart sowie Onur Simsek, der Teamchef der Organisation, Dr. Nihat Koca, Obmann der IRG-Wien, und Avnis Özalp, Generalsekretär IRG-Wien, teil. Weiters waren Muhammed Akagündüz, ehemaliger Fußballer der österreichischen Nationalmannschaft, sowie zwei Fußballer, Ömer Faruk Tamgac und Volkan Kahraman, dabei.
Dieser Tag war extrem bedeutungsreich, und aus diesem Grund möchte ich das Erlebte nicht in Form einer Nachricht wiedergeben. Das erste Mal in meinem Leben gehe ich durch eine Gefängnistür. Nach unserem Besuch hatte jeder einzelne Teilnehmende unterschiedliche Gedanken, Gefühle. Ich kann meine Gefühle, Gedanken in meiner Kolumne wiedergeben…
Ich habe schon einmal einen Inhaftierten besucht. Er konnte seine Unschuld aufgrund seiner Geisteskrankheit nicht beweisen. Doch damals war ich nur bis vor die Gefängnistür gekommen. Diesmal werde ich nicht nur durch die verschlossene Tür schreiten – ich werde durch mehrere verschlossene Türen gehen und für kurze Zeit das Gefängnis von innen erleben. Angst und Neugier beginnen, Besitz von mir zu ergreifen. Schon zur Zeit des Morgengebets treffen wir uns mit dem Team im ATIB-Hauptgebäude. Während wir nach dem Morgengebet eine Suppe essen, erklärt uns Dr. Muhammed, der ägyptischen Ursprungs ist, lang und breit unser Vorhaben: „Freunde, vielleicht kommt solch eine Organisationeuropaweit das erste Mal zustande. Leider gibt es kaum jemanden, der muslimische Jugendliche im Gefängnis betreut oder unterstützt. Ein Fußballspiel und eine soziale Aktivität, wie wir sie heute zustande bringen werden, wurden noch nie verwirklicht. Falls so etwas jemals zustande kam, hat uns die Nachricht davon jedenfalls nicht erreicht.
Abgesehen von solch einer Fußballorganisation – europaweit werden Muslime, die im Gefängnis gelandet sind, sehr selten besucht. Wir, die wir die Inhaftierten nicht schätzen, bevor sie ins Gefängnis kommen, ignorieren sie auch im Gefängnis.
Dr. Muhammed erklärt alles bis ins kleinste Detail: „Fotografiert nicht mehr als nötig, zeigt kein verdächtiges Verhalten, mit dem ihr die Gefängniswächter stören könntet, fragt die Inhaftierten nicht nach ihrem Privatleben.“ Ich weiß nicht, was in den anderen vorgeht, aber in meiner inneren Welt resigniere ich und sage zu allem:„Einverstanden.“ Schon während dieser Gespräche fühle ich mich in der geschlossenen Welt des Gefängnisses. Dr. Muhammed und der Organisator Onur Faruk Tamgac kommen mir wie Gefängniswächter vor. Anschließend setze ich mich mit diesen Gefühlen ins Auto, wir machen uns auf den Weg ins Gefängnis, das 60 Kilometer von Wien entfernt liegt. In den Morgenstunden, während die Sonne aufgeht, fahren wir im Auto.
Es wird immer gesagt: „Um die Dankbarkeit gegenüber Gott zu stärken, sollte man Krankenhäuser, Friedhöfe und Gefängnisse besuchen“… Schon bevor wir ankommen, befinde ich mich gefühlsmäßig in der Gefängniswelt. Die Person, die ich hier kennenlernen werde, ist kein Häftling, der seit drei oder fünf Monaten auf seine Urteilsvollstreckung wartet oder sich nur für einen kurzen Augenblick vergessen und eine Schuld begangen hat, für die er nun zwei, drei Jahre im Gefängnis sitzen muss. Nein, es ist eine Person, die lebenslänglich inhaftiert wurde. Das Auto bewegt sich schnell über die Autobahn, und meine Beziehung zu dem Häftling, der den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen wird, hat schon begonnen.
Das Verbrechen, das er begangen hat, wurde zur Seite geschoben wie ein Vorhang, der bisher zwischen uns war. Der einzige Punkt, an dem ich eine Verbindung herstellen kann, ist die Tatsache, dass es eine Person ist, der für den Rest ihres Lebens die Freiheit genommen wurde. Es werden Kinder geboren, und sie wird sie nicht sehen. Es werden Bestattungen stattfinden, und sie wird nicht mit anderen gemeinsam trauern. Es werden Bücher geschrieben, Filme gedreht, Lieder komponiert werden, aber sie wird kein einziges dieser Ereignisse erleben. Dieser Mann wird beispielsweise nicht einfach so ein Schuhgeschäft besuchen und sich Schuhe kaufen, die er eigentlich gar nicht benötigt. Er wird seinen Träumen, Idealen nicht hektisch nachrennen oder einfach einen Weg in Freiheit gehen. Meine Freunde scherzen miteinander, ich blättere unkonzentriert, mit leeren Blicken in einem Buch. Vor meinen Augen taucht ein Bild auf: Ein Häftling, der zum letzten Mal in seinem Leben in einem kleinen Auto diesen Weg hinter Gitter gefahren ist. Sein Blick aus diesem Autofenster und seine Erlebnisse auf dem Weg zum Gefängnis. Ich befinde mich in einer neugierigen, ängstlichen, traurigen Gefühlslage. Inzwischen sind wir vor der Gefängnistür angekommen, die sich im Rande eines Dorfes befindet.
Der Fahrer nähert sich der großen Metalltür. Alles ist versperrt, wir blicken nach rechts und links, und die große Garagentür öffnet sich langsam. Wir schreiten hinein. Zuerst findet die Ausweiskontrolle statt, und wir müssen unseren Ausweis dort zurück lassen. Danach werden wir durchsucht, doch nicht nur wir, sondern auch alle Lebensmittel, Getränke, Kleidungsstücke, sogar die Bücher werden sorgfältig durchsucht…Die Wächter erfüllen nur ihre Aufgabe, deswegen machen wir respektvoll, was uns gesagt wird. Nach der elektronischen Durchsuchung werden wir im Team zum Saal, in dem das Fußballturnier stattfinden wird, gebracht. In diesem Moment schaudereich. Genau wie in den Filmen beginnt ein starker, großer Wächter mit einem großen Schlüsselbund, einzeln jede Tür zu öffnen. Wir bewegen uns von einem Gefängnistrakt in den anderen. Jede Tür, die vor uns geöffnet wurde, wird auch sofort wieder geschlossen. Nach ungefähr sieben bis acht Türen gelangen wir endlich in den Sportsaal. Dass die Freiheit weit entfernt von uns hinter den Türen liegt, lässt uns schaudern.
Nun sind wir im Saal…Ungefähr 20 muslimische Jugendliche… Dr. Muhammed und Onur Simsek haben mit einer Aktion die 20 muslimischen Jugendlichen innerhalb von 35 muslimischen Jugendlichen mithilfe der Gefängniswächter in den Saal gebracht. Im Endeffekt sind es Jugendliche, die ein Verbrechen begangen haben… Einer befindet sich wegen Diebstahlim Gefängnis, einer wegen Körperverletzung, einer wegen Drogen. Leider stammt die Mehrheit der Jugendlichen aus der Türkei, aber es befinden sich auch Häftlinge aus Afrika, dem Kaukasus und anderen muslimischen Gebieten aus allen Teilen der Welt. Zuerst sind wir uns fremd – unser Team hat sich auf einer Seite versammelt und die Jugendlichen auf der anderen. Innerhalb von zehn bis 15 Minuten ist alles geregelt. In Eile werden die Trikots verteilt und die Gruppen gebildet. Die zwei bekannten türkischen Fußballer werden von den Jugendlichen erkannt, und sie freuen sich. Unser Team bildet zwei Gruppen, doch ich begebe mich in die Gruppe der Jugendlichen. Innerhalb der vier Stunden finden 15-minütige Qualifikationsspiele statt. Am Anfang kann ich mit den Jugendlichen keine Verbindung aufbauen, doch mit der Zeit bessert sich das. Während des Spiels führen wir kurze taktische Gespräche und scherzen sogar.
Dr. Muhammed hat uns vorher gewarnt, dass wir die Häftlinge nicht auf ihr Privatleben ansprechen sollen, doch ich kann mich nicht zurückhalten. Ich fühle mich wieder in meine Lehrerzeit zurückversetzt. Ich fühle mich wie vor meinen Schülern, von denen ich manche nur ein Semester lang betreut habe und die ich auch nicht intensiv betreuen konnte. Schuldgefühle und ein Gefühl der Nähe zu diesen Jugendlichen tauchen in mir auf. Obwohl ich nicht besonders neugierig frage, kenne ich nach vier Stunden die Geschichte von fünf Jugendlichen in meiner Gruppe. Ich bin nicht derjenige, der fragt – sie erzählen alles von sich aus. Bei jedem einzelnen gibt es ein anderes Detail, eine andere Tragödie…
Gott sei Dank bleiben diejenigen, die sich in diesem Gefängnis befinden, für fünf Jahre hier. Es ist ein Gefängnis mit einigen sozialen Aktivitäten…Sie erzählen, erzählen, erzählen. Ich gebe ihnen keine Ratschläge, ich höre nur zu und liebe. Doch ich erzähle ihnen, dass ich vor meiner journalistischen Tätigkeit als Lehrer tätig war. Ich erzähle ihnen, wie gern ich meine Schüler hatte, wie sehr ich sie vermisse und dass ich sie – obwohl sie mittlerweile erwachsen sind –noch immer als Jugendliche vor meinen Augen habe. Einer schaut mich traurig an und stellt mir die schmerzhafte Frage: „Wie lautet Ihre Adresse, wo leben Sie? Können wir uns sehen, wenn ich wieder draußen bin?“ In mir entflammt ein Vulkan mit Fragen: Wo seid Ihr und wo sind die anderen, die zurückgeblieben sind? Können wir nicht zu Euch kommen, bevor Ihr hier landet? Haben wir nicht die Kraft, den Willen, Euch zu beschützen? Wer sind die Verlierer: Ihr oder eher wir?
Am Ende des Fußballturniers gewinnt eine Gruppe. Preise für den ersten, zweiten, dritten und vierten Platz werden verteilt, und natürlich gibt es für jeden einzelnen eine Medaille… Wer weiß, vielleicht leuchten die Augen der Jugendlichen, weil sie nach langer Zeit mit gutmütigen Menschen zusammengekommen sind… Dr. Muhammed und der Organisator Onur Simsek scherzen und zeigen ihre Liebe. Die Anstaltsleiterin hält eine gute und beeindruckende Rede: „Diese Jugendlichen gehören alle zu uns, und wir müssen sie alle beschützen. Dafür, dass sie kein Verbrechen begehen bzw. wieder rehabilitiert werden, sind wir alle verantwortlich.“ Während ihrer Rede sind meine Gedanken jedoch woanders. Ich denke daran, was wir als Gesellschaft und einzelne Personen für diejenigen machen bzw. machen können, damit sie nicht hier landen.
Zum Abschied umarmen wir jeden Jugendlichen einzeln. Anschließend führt uns ein Wächter durch das Gefängnis. Wir lassen vielleicht zehn bis 15 Türen hinter uns und besuchen die Zellen und Zwischengeschosse. Die Zelle eines Flüchtlings aus Somalia wird speziell für uns geöffnet. Eine fünf bis sechs Quadratmeter große Zelle… Ein Bett, daneben ein Kasten, und rechts neben dem Eingang befindet sich ein Waschbecken. Eng, eine enge Welt… Gehemmt blicke ich mich um. Ich bin schon sehr zerstreut.
15 Minuten später, als wir uns von den Gefängniswächtern verabschieden und unsere Ausweise abholen, komme ich wieder zu mir. Im Auto tauschen wir uns unter Freunden aus, traurig und im Bewusstsein der Verantwortung, die wir tragen. Ich bin still. Meine Gedanken sind noch bei meinem Bruder, den ich noch vor Kurzem fest umarmt habe, und bei den anderen Inhaftierten… Ich muss wiederkommen, wir müssen wiederkommen, wir müssen sie öfter besuchen. Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, jedoch möchte ich die Aufgabeerfüllen, die sich mir jetzt stellt. Nämlich Dr. Muhammed und dem Organisator zu ihrer gelungenen Aktion gratulieren. Dadurch möchte ich auch das Verantwortungsbewusstsein anderer Menschen wecken.

Hüseyin Baycol

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