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Stellungnahmen

  • Samstag 26 Mai 2007

    Der Fall Theo van Gogh – Droht eine Welle der Gewalt?

    Hollands Muslime sind sich in ihren Stellungnahmen einig: Der Mord an einem unliebsamen Kritiker ist ein nicht zu rechtfertigendes Verbrechen. Im Bemühen den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken rufen sie anlässlich der islamischen Festtage dazu auf, beim Feiern die Nachbarn einzubeziehen. Trotzdem entladen sich nach dem Mord am provokanten Filmemacher Theo van Gogh islamophobe Emotionen beim Niederbrennen von Moscheen und islamischen Schulen. Ein Riss geht durch die Gesellschaft, 40% lehnen Muslime prinzipiell ab. Was heißt dies für Österreich? Ist der Umgang mit dem Islam und Muslimen in Holland und Österreich vergleichbar?


    Fern davon zu unterstellen, man wolle einen Fall Theo van Gogh herbeireden, wirft die Berichterstattung in Österreichs Medien, diese Frage auf. Denn unisono bedient man sich des Statements: „Auch im toleranten Österreich werden möglicherweise bald islamische Fundamentalisten, Islamisten und Terroristen aktiv“. Höchste Zeit auf einige grundlegende Unterschiede hinzuweisen:



    Institutionalisierung als Wegbereiter für einen breiten Dialog


    In Österreich ist seit 1979 eine offizielle Vertretung der Muslime installiert, die auf gleicher Augenhöhe mit anderen religiösen und politischen Institutionen handelt. Im Falle eines Filmes mit für Muslime beleidigendem Inhalt würde sofort ein Diskurs durch die Islamische Glaubensgemeinschaft sowohl in Richtung der nicht muslimischen Mehrheit, als auch in Richtung muslimischer Bevölkerung eingeleitet. So könnte einerseits die Stimme der Muslime öffentlich gemacht werden und der mögliche Unmut der Gemeinde, wenn ihr Glaube in den Schmutz gezogen wird, absorbiert werden. Andererseits könnte seriös über Kritik diskutiert werden um zu verhindern, dass durch bestehende Defizite im Wissen um den Islam Vorurteile, gerade was das Frauenbild betrifft, zementiert werden.



    Anerkennung gibt Selbstvertrauen - Weiterentwicklung durch Kritikfähigkeit


    Die exzellenten Kontakte zu verschiedenen Institution schenken den Muslimen in Österreich ein besonderes Selbstbewusstsein, das ihnen hilft Angriffe gelassener hinzunehmen. Wo sonst werden Muslime zum Iftar (Mahlzeit nach dem Fastenbrechen im Ramadan) beim Bundespräsidenten oder Bürgermeister der Bundeshauptstadt eingeladen? Dies schafft den Boden für die Fähigkeit eine Einordnung von berechtigter Sozial- und Gesellschaftskritik im Gegensatz zu Verhetzung der religiösen Lehre in einem innermuslimischen Diskurs vorzunehmen.



    Integration durch Partizipation, auch politisch


    Muslime haben den Gedanken der Integration durch Partizipation auch politisch umgesetzt, indem sie im Wiener Rathaus durch einen von ihnen gewählten Mandatar vertreten sind. Interessant, dass dabei bei innerer Vielfalt die Einigung auf einen Kandidaten ermöglicht wurde. Dies stellt ein Indiz für die Herausbildung eines Bewusstseins der Kompatibilität des Identitätsgefühls als Muslime und Österreicher/Europäer und Zeichen für den Integrationsprozess dar. Gerade auch religiös praktizierende Muslime, die sonst keine direkte Stimme haben, sehen sich hier vertreten. Der hohe Grad der Institutionalisierung machte auch das Eingebundensein in den Österreichkonvent zu einer leider zu wenig wahrgenommenen Selbstverständlichkeit. Als einzige Glaubensgemeinschaft wurde die Stellungnahme durch eine Frau vorgetragen – mit Kopftuch.



    Zivilgesellschaftliches Engagement


    Arbeit im Bereich „Antidiskriminierung“ brachte Kontakte zur Zivilgesellschaft und Zusammenarbeit mit vielen NGOs. Der interreligiöse Dialog hat eine lange Tradition, der längst über prinzipielle Willensbekundungen hinausgewachsen ist. Projektarbeit im Bereich des Sozialen weist in die Zukunft. Ob Krankenseelsorge, Gefangenenbetreuung, Hilfe für Asylanten – hier sind die muslimischen Aktivitäten eingebettet in die allgemeine Arbeit der verschiedenen Institutionen.



    Respekt vor der Meinungsvielfalt


    Der Umgang mit Meinungsvielfalt und Respekt vor dem anderen wird nicht nur in „Freitagspredigen“ gepflegt, sondern gelebt. Eine bekennende Katholikin arbeitete in administrativer Leitungsfunktion an der Islamischen Religionspädagogischen Akademie, der Direktor des Islamischen Gymnasiums ist kein Muslim, Nichtmuslime haben im Vorstand islamischer Vereine Platz. Abseits der breiten Öffentlichkeit akkordierten die islamische und die jüdische Seite ihr Vorgehen angesichts der politischen Diskussion zum neuen bundeseinheitlichen Tierschutzgesetz. Bei Demonstrationen gegen den Irakkrieg und für Solidarität mit Palästina ist die „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden“ immer mit dabei. Auch ein kritischer Dialog mit der amerikanischen Botschaft in Wien ist im Gange.



    Einsatz für Frauenrechte


    Nachdem das Bild des Islam stark von der Sicht auf die muslimische Frau geprägt wird, beginnt sich in Österreich endlich der Dialog unter Frauen zu beleben, eingeschlossen Meinungsbildnerinnen und Entscheidungsträgerinnen. Gemeinsam für Frauenrechte einzutreten, auch wenn man verschiedene Hintergründe hat, ist das Ziel. Absurd wäre es, würden gerade solche Werke, die ihre Wirkung anklägerisch vor allem aus dem zum Klischee mutierten, angeblich im Islam selbst angelegten unterdrückten Status der muslimischen Frau schöpfen, zu einer Verschlechterung der Situation muslimischer Frauen beitragen. Die Geste arroganten Mitleids nimmt muslimischen Frauen ihre Würde und schließt sie von einem gleichberechtigten Diskurs aus. Weniger spektakuläre Problemfelder bestimmen den Alltag muslimischer Frauen: Abhängigkeiten, die in der Beschränkungen des Zugangs zum Arbeitsmarkt entstehen, Isolation durch Wegfallen des großen familiären Rückhalts in Krisensituationen, Schwierigkeiten am Bildungsweg. Hier ist Zusammenarbeit angesagt. Anstatt sich pausenlos für ihre Religion rechtfertigen zu müssen, können muslimische Frauen wichtige Argumentationsschienen einbringen, die Frauenrechte auf dem Boden des Islam plausibel machen und sie allseits einfordern: Das Recht auf Bildung, auf Chancengleichheit, auf die freie Wahl des Ehepartners, auf Verwaltung des eigenen Vermögens, auf den Anspruch auf alleinige Verfügungsgewalt über eigene Einkünfte, usw.



    Ein friedliches Miteinander zu erreichen ist etwas ganz anderes als sich mit einem von beiden Seiten geduldeten Nebeneinander zu begnügen. Hier sind wir in Österreich auf einem ganz guten Weg, auch weil bei den Muslimen eine Auseinandersetzung mit den verschiedenen Modellen des Zusammenlebens stattfindet. Zunehmend fällt die bewusste Entscheidung für ein Miteinander, auch weil sich Vorstellungen vom Rückzug in eine eigene Parallelwelt als im Ghetto endende Sackgasse erwiesen haben.



    Natürlich gibt es noch viel zu tun. Von anderen Ländern könnte man sich durchaus einiges abschauen. So haben gerade Holland, Stichwort baulich erkennbare Moscheen und Großbritannien, Stichwort muslimische Polizistinnen mit in die Uniform integriertem Kopftuch, vielfältige nachahmenswerte Initiativen gesetzt.



    Und selbstverständlich haben wir keinen Grund, großspurig und überheblich zu tun, als gingen uns Entwicklungen anderswo nichts an. Es wäre vermessen pauschal von sich weisen zu wollen, dass nicht immer auch ein Einzelner so genannte „Wahnsinnstaten“ begehen könnte. Panikmache ist aber fehl am Platz und würde durch die allgemeine Verunsicherung nur kontraproduktiv und antiintegrativ wirken. So wie es oft heißt, im eigenen Land würden Errungenschaften am wenigsten geschätzt, hat Österreich ohne dass die breite Öffentlichkeit davon wüsste, einen Vorbildcharakter gewonnen, was den Umgang mit Muslimen betrifft. Hier lohnt es sich diese Erfolge weiter auszubauen.

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